(Ver)Kommen, (Dran)Bleiben und (Ab)Gehen - Ein Lausitzdrama in drei Akten

Teil 2 - (Dran)Bleiben

„Kämpfe für die Dinge,
die dir wichtig sind,
aber tue dies auf eine Weise,
die andere dazu bringt,
sich dir anzuschließen.“

(Ruth Bader Ginsburg)

Dranbleiben kleiner

© Anne Isensee

Ich drücke drauf und langsam kommt Licht ins Dunkel. Ich kenne derzeit kein angenehmeres Gefühl, als diesen Schalter zu bedienen und dabei zuzusehen, wie sich die Rollläden langsam nach oben wabern und den Laden in seiner unfertigen Gemütlichkeit erwachen lassen. Ich kicke gekonnt den Türstopper unter den Eingang und lüfte einmal kräftig durch. Eine Routine in einer neuen Art zu Hause. Beides scheint mir in Zeiten von Corona alles andere als selbstverständlich. Ich bin zufrieden. Ich fühle mich privilegiert.

Efeu durch die Institutionen!

Meine letzten fünfzehn Monate in Görlitz lassen sich als aufeinanderfolgende Hochdruckgebiete beschreiben, die fast immer gutes Wetter mit sich brachten. Bis heute müssen aber auch alle mit Hochdruck daran arbeiten, dass das so bleibt. Das Rathaus-Unglück von 2019 konnte in letzter Sekunde durch einen (relativ klassischen) Alleingang der CDU abgewendet werden. Und auch ich musste unter Schmerzen mein Kreuz für die christlich konservative Partei setzen. Wie es dazu kommen konnte, ist mir bis heute kein Rätsel. Ich betrachtete es als natürliche Selbstkasteiung meiner politischen Verantwortung. Ich bin ein Systemkind, das die Bündnisbereitschaft in Deutschland grundsätzlich feiert und für alles andere als selbstverständlich hält. Während Strukturwandel und gesellschaftliche Veränderungen in anderen Demokratien zu scheinbar unaufbrechbaren Verhärtungen führen, halte ich die hiesige Gesprächsbereitschaft und die zivilgesellschaftliche Parkettfähigkeit für einen riesigen Vorteil.

Und diese Prozesse laufen eben nicht ohne Widersprüche, Risiko und Scham. Die lokale Antifa nahm mir im Zuge des zweiten Bürgermeister-Wahlgangs mein schlechtes Gewissen, indem sie den bezeichnenden Slogan: „Antifa heißt heute CDU wählen“ im Netz teilte. Verständlicherweise wurden kurz darauf alle Spuren gründlich verwischt. Der ursprüngliche Post ist heute kaum noch zu finden. Wer sucht, stößt nur auf seitenweise Online-Kritik. Doch meiner Meinung nach ist dieser Ausspruch der lebendige Beweis dafür, dass sich in Ostsachsen nicht Möchtegerns - wie bspw. in meinem ehemaligen Zuhause Berlin Neukölln – gegenseitig bestätigen und verbünden, sondern ganz eigenartige Möchteungerns. Möchteungerns, die trotz aller inneren Widerstände genau das tun, was als letzter, ungemütlicher Weg übrig bleibt. Möchteungerns, die sich nicht vertreten fühlen und als Folge efeumäßig durch die Institutionen wachsen. Möchteungerns, die daraufhin immer wieder an Mauern stoßen, einmal drumherum florieren und vielleicht irgendwann mit dem eigenen Blatt das Darunterliegende unkenntlich machen. Jedenfalls ein Danke an alle Möchteungerns[1], die an Mauern im Wind wachsen und dabei doppelte Breitseite ernten!

Ihre Erfahrungen, Wünsche und Potenziale werden im Strukturwandel oft unterschätzt. Trotz aller Notwendigkeit werden ihre jungen und alternativen Perspektiven kaum bewusst mitgenommen oder in Wert gesetzt. Ein Beispiel: Schon jetzt ist die Hälfte aller Menschen in Görlitz und Bautzen über fünfzig Jahre alt. Dieser gehörige demografische Druck provoziert aus sich heraus die Entwicklung einer Strategie, die jungen und gebildeten Nachwuchs hält bzw. holt. Wie sollen diese Strategien jedoch erfolgreich erarbeitet werden, wenn - wie die eindrückliche Darstellung von Antonia Mertsching beweist - Entscheidungsträger*innen im Strukturwandelprozess (als Durchschnitt auf allen Handlungsebenen) zu 74 % aus Männern, größtenteils über fünfzig, bestehen? No prejudices: Aber mich würde schon interessieren, welche Quellen sie konkret zur Bedarfserhebung nutzen, um junge Frauen wie mich außerhalb ihres Arbeitsplatzes (der mittlerweile überall liegen kann) abzubilden. Mein Vater würde jetzt sagen, es dreht sich eben nicht alles nur um dich, Prinzessin, das Leben ist kein Wunschkonzert. Ich würde darauf antworten, selbst wenn es eines wäre, hier würde es kaum einer hören.

Achtung Manipulation!

Ich fasse nochmal zusammen: Wenn also 85 Männer gegenüber 22 Frauen über eine nachhaltige Zukunft eines neuen Nachwuchses in dieser Region entscheiden, ohne ihm zuzuhören und daraufhin Milliarden verteilen, dann ist das leider ziemlich unfair und auch einfach nicht erfolgsversprechend.

Das entspricht in etwa der Sinnhaftigkeit eines Vorwurfs, dem rund dreißig Menschen auf der Bürgerratswahl der Innenstadt Ost von Görlitz an einem Abend im November 2019 ausgesetzt waren. Als sich der prunkvolle Saal der KommWohnen GmbH zunehmend mit Kapuzenpullis, bunten Jacken und Nasenpiercings füllte, wuchs die Anspannung im Raum und jemand äußerte ernsthaft den Verdacht, dass wir mit Bussen aus Dresden angereist wären um … naja, um genau was zu tun? Um unrechtmäßig über die Zukunft eines uns fernen Stadtteils mit Themen, die uns null betreffen, zu entscheiden?

Auf dieser Wahl ist nichts anderes passiert, als dass über dreißig junge Menschen aus der Nachbarschaft ihr Recht auf Partizipation in Anspruch genommen haben. Sie waren es satt, dass der verlängerte Arm in den Stadtrat mit Menschen besetzt war, die nicht die Zukunft, wohl aber eine verschrobene Vorstellung von Gegenwart und Vergangenheit vor Augen hatten. Als dann das Ergebnis verkündet wurde und alle rechtskonservativen Kräfte durch drei Frauen und zwei Männer U35 ersetzt wurden, fühlte ich an mir eine bis dahin weitgehend unbekannte und sehr wohlige Selbstwirksamkeits-Gänsehaut hochkriechen. Im Foyer begegnete uns kurz darauf ein Ehepaar Ü60, bedankte sich für unser Engagement und fragte, wo wir unser Bier her hätten. Sie säßen nämlich schon seit zwei Stunden auf dem Trockenen…

In der örtlichen Presse – bei der ich es mir mittlerweile zur Aufgabe gemacht habe, besonders herausragende Artikel zu sammeln – wurden wir daraufhin im Leitartikel über mehrere Seiten als biertrinkende, krawallige Anti-Establishment-Rowdies dargestellt, die die Wahl manipuliert hätten. Auf der Titelseite waren drei ältere Menschen mit einem Transparent vor dem Wilhelmsplatz dargestellt, die im trumpesken Stil ganz einfach und ohne stichhaltige Beweise die Wahl nicht anerkennen wollten. Allein die Tatsache, dass es für eine Manipulation gehalten wird, wenn junge Menschen im Bezirk plötzlich sichtbar werden und ihre Interessen und Wahlrechte in Anspruch nehmen, macht mich einfach nur sprachlos. Sind wir selbst daran schuld?

Wer kümmert sich um die?

Ich sehe natürlich ein, dass unser Auftreten und unsere Ansprüche Andere auch ziemlich sprachlos machen können. Menschen, die seit fünfundzwanzig Jahren mit schlechtem Verdienst, aber ohne Mucksen im gleichen Betrieb arbeiten, die zwölf Stunden pro Tag am besten noch mit Ehepartner*in im eigenen Bistro frittieren, Frauen, die sich tagein tagaus in der Pflege ihren Rücken kaputt machen und statt respektvoller Bewunderung ein „Alter, wieso tust du dir das an?“ von uns ernten, all diesen Leuten fehlt sicher nicht grundlos Verständnis für unsere Realität. Und ehrlich, es tut mir unheimlich Leid, dass all das existiert. Aber es ist verkehrt und ein Trugschluss, wie einige immer noch glauben, dass wir jungen Nichtsnutze uns aus Solidarität auch solchen Zuständen aussetzen sollten. Damit ändert sich nämlich gar nichts. Stattdessen bremsen unsere wachsenden Ansprüche zukünftige Ausbeutung, provozieren bessere (Arbeits-) Bedingungen und machen den Strukturwandel damit zugegebenermaßen ein ganzes Stück komplexer. Denn wie soll man zielgerichtet auf Aussagen wie diese reagieren: „Ja, also wenn‘s möglich ist, würde ich maximal dreißig Stunden die Woche arbeiten. Mein Job und meine Umgebung müssen mich mit Sinn erfüllen. Und wenn das nicht mehr der Fall ist, dann zieh ich eben weiter. Ich hab auch nichts gegen eine zeitweilige Arbeitslosigkeit. Meine WG, mein Anspruch und mein Lifestyle verlangen nicht viel Cash. Ich bin erst dreißig Jahre jung und Rente bekomme ich so oder so keine! Take that, life is a journey!“.

Neben all den wachsenden Ansprüchen haben wir auch noch tausend unsichtbare Ideen und kein konkretes Ziel. Wir reden immer von Projekten, die dann der Staat oder Europa finanzieren müssen. Wir schaffen kaum Wertschöpfung, zahlen mit unseren halbherzigen Gehältern viel zu wenig Steuern und übernehmen dementsprechend keine gesellschaftspolitische Verantwortung. Der Staat geht den Bach runter, wegen Superreichen und faulen Sozial- und Kulturarbeiter*innen wie mir. Wer kümmert sich denn um das wirklich hart arbeitende Volk?

Arbeitsmoral

Seit ich erwachsen bin, läuft diese Leier meines Vaters als Dauerschleife in meinem Ohr[2]. Der arbeitet seit ungefähr lebenslänglich im selben Betrieb und steht nun kurz vor der Rente. Mein ewiges Suchen, Neuerfinden und Weiterziehen sind ihm ein Dorn im Auge. Dieser Dorn ist nicht nur aufgrund unterschiedlich gebotener und genutzter Chancen in unseren Lebensläufen gewachsen. Er offenbart ebenfalls eine Moral, in der Arbeit um ihrer selbst willen einen unhinterfragbaren Wert besitzt. Und dabei ist es ganz egal, ob die Firma die eigene Arbeitskraft trotz ambitioniertem, gewerkschaftlichem Engagement jahrzehntelang ausnutzt. Es ist egal, dass man keine Zeit und Muße hat, sich darüber Gedanken zu machen, was man sich persönlich Gutes tun oder gönnen würde. Was der persönliche Sinn hinter all dieser verarbeiteten Lebenszeit ist. Hauptsache, man hat am Ende ganz viel gespart, die Familie durchgebracht und Steuern gezahlt.

Letzten Herbst habe ich meinen Vater kurzerhand auf eine Postwachstumskonferenz in Görlitz mitgenommen. Davon schwärmt er heute noch. Wir sind uns dort auf einer ganz neuen Ebene begegnet. Mir wurde bewusst, dass er die grundsätzliche Kritik am System ganz klar teilt. Die aufgezeigten, alternativen Wege jedoch – wie bspw. ein Lieferkettengesetz oder die Gemeinwohl-Ökonomie – hält er für absolut abwegig. Das lässt sich seiner Meinung nach ganz einfach nicht umsetzen. Zu hoher Aufwand, zu ungewisser Output. Ich stelle mir nun die Männer in den Strukturwandel-Gremien vor, die ungefähr dem Alter, der Lebenserfahrung und der grundsätzlichen „Ist-einfach-so!“-Einstellung meines Vaters entsprechen. Sie entscheiden über Wege und Mittel und ich höre ihr Echo jetzt schon in meinen Ohren: „Das ist zu abwegig. Das birgt ungewisses Wachstumspotenzial! Das schafft keine Arbeitsplätze! Das fällt jetzt erstmal unter Wohlfahrt oder ehrenamtliche Daseinsvorsorge!“

Bis irgendein Efeu in diesen Diskurs hereingewachsen ist, ist es vielleicht schon zu spät. Und von den Auswirkungen sind nicht nur wir jungen Menschen betroffen. Sondern z. B. jeder zehnte Erwerbstätige[3], der allein jetzt schon im Landkreis Görlitz, in der Pflege tätig ist. Er[4] wird unter der wachsenden Last im Strukturwandel mit noch größeren Rückenschmerzen und beschisseneren Arbeitsbedingungen konfrontiert sein. Die vielen alten Menschen werden keinen Pflegeplatz bzw. keinen pflegenden Angehörigen mehr finden und zu Hause vereinsamen. Dafür haben wir dann ′ne geile Verwaltungsbehörde, irgendwas mit Wasserstoff und ganz viele Ingenieur*innen wie meinen Vater. Doch auch da wird es einen gehörigen Unterschied geben. Denn im Gegensatz zu ihm, werden es sich die neuen Ingenieur*innen dreimal überlegen (und auch dreimal schneller wieder verschwinden), wenn der Arbeitsplatz und die Umgebung ihren Ansprüchen an eine angemessene Lebensqualität widersprechen.   

Wir stechen in See!

Meine Lebensqualität, mein Nest und meinen Hafen habe ich nun im ahoj gefunden. Wenn ich morgens auf den Schalter drücke und sich die Rollläden langsam nach oben wabern, dann erwacht ein Raum aus dem Schlaf, der meinen schrecklichen, jungen Ansprüchen an einen sinnerfüllenden Arbeitsplatz genau entspricht. Hier kommen Menschen zusammen, die an ihren Gründungsideen basteln. Ideen, die nicht in erster Linie das größte Wachstum und sprudelnde Steuereinnahmen versprechen. Aber die einen Mehrwert für das Gemeinwohl besitzen. Hier nehmen sich Menschen die Zeit, die sie brauchen, sie zweifeln, probieren aus, tüfteln ohne Druck. Ich gucke dabei zu, moderiere und trage es in die Öffentlichkeit. Meine Freund*innen aus Berlin sind dann immer ganz angetan und sagen: „Mensch, sowas gibt’s in Görlitz?“.

Wie schön wäre es, wenn sie verstehen würden, dass das alles andere als abwegig ist. Und dabei trotzdem erkennen, dass die Gründer*innen hier unter anderen Bedingungen in See stechen. Etwas weniger privilegiert und selbstverständlich, in einem anderen Tempo, als zarter Efeu an einer Mauer.

 

[1] Ich möchte vorsichtshalber erwähnen, dass ich in dieser persönlichen Definition alle Antidemokrat*innen, Querdenker*innen, Corona- u. Holocaustleugner*innen, selbsternannten Freiheitskämpfer*innen bzw. Wissenschaftler*innen kategorisch ausschließe.

[2] Wer der Sächsischen Zeitung auf facebook folgt, findet sie auch in jedem zweiten Kommentar, der sich kulturellem oder zivilgesellschaftlichem Engagement junger Menschen in der Stadt widmet.

[3] Vgl. Fuchs, Michaela. Richter, Bernd. Sujata, Uwe. & Weyh, Antje (2018): Der Pflegearbeitsmarkt in Sachsen. Aktuelle Situation und zukünftige Entwicklungen. Nürnberg

[4] Oder besser „Sie“. Rund 85 % der Beschäftigten in der Pflege sind Frauen, vgl. Freifrau von Hirschberg, Kathrin-Rika. Hinsch, Jutta. & Kähler, Björn. (2018): Altenpflege in Deutschland. Ein Datenbericht 2018. Hamburg

Lisa W...

... hat ihre Arbeit, ihren Partner und ihre Freund*innen in Berlin gelassen, um der Großstadt endgültig den Rücken zu kehren und in Görlitz "Management sozialen Wandels" zu studieren. Im Lausitzdrama in drei Akten berichtet sie über ihr Ankommen, Bleiben und Gehen. Zu finden auf Instagram unter helga_wolke

 

Anne Isensee...

... ist Animatorin und Regisseurin für Animations-Kurzfilme und Musik Videos aus Berlin. Sie studierte Animation an der Filmuniversität Babelsberg und der École nationale supérieure des arts décoratifs Paris. Seit 2020 studiert sie als Fulbright-Stipendiantin an der School of Visual Arts New York im Master Computer Arts. Ihre Kurzfilme "Megatrick", "Ich Will" und "1 Flasche Wein" werden auf Internationalen Festivals gezeigt.

https://www.anneisensee.com/ | https://vimeo.com/user41831769