Gleichstellung in der Lausitz #3

Von Bernadette Rohlf

Katja Knauthe, Johanna Zabka und Fränzi Straßberger haben 2020 ihre Arbeit als hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte in der Lausitz begonnen. Ich habe sie jeweils getroffen und mit ihnen über ihre Visionen für die Region, über ihre Perspektive auf den Strukturwandel und ihre Schwerpunkte im neuen Job gesprochen.

Dies ist Teil 3 unserer Reihe "Gleichstellung in der Lausitz". Teil 1 und 2 über Katja Knauthe und Johanna Zabka finden Sie in unserem Journal.

Fränzi Straßberger – „Wie übersetzen wir das Thema Gleichstellung in den Alltag?“

Eine dankbare Haltung begegnet mir auch in Bautzen bei Fränzi Straßberger wieder, die hier seit September das Amt der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten für die Stadt Bautzen bekleidet. Sie schaut auf eine lebendige Gleichstellungsinfrastruktur, über die sie sagt „Da kann man stolz drauf sein, dass es das gibt und da muss man auch mal ‚Danke!‘ sagen bei denen, die das erkämpft haben am Anfang“. Damit meint sie die Frauen, die 1990 kurz nach der Wende begonnen haben, Frauen- und Gleichstellungsarbeit in der Stadt zu etablieren, die Fraueninitiative Bautzen e. V. und das Frauenschutzhaus gegründet haben, die mit viel Pragmatismus im ehemaligen Büro der Staatssicherheit zusammenkamen und „richtige handgestrickte Arbeit“ leisteten. Genau diesen Vorkämpfer- und -denkerinnen ist ihr aktuelles Projekt gewidmet, das auch in Kooperation mit den anderen gleichstellungspolitischen Akteur*innen Bautzens umgesetzt wird. Das 30-jährige Jubiläum dieses Engagements soll mit einem Video-Projekt begangen werden. Darin sind 22 Frauen porträtiert, sowohl diese „Frauen der ersten Stunde“ als auch Frauen, die zugezogen sind und ihre Perspektive mitbringen. Das Projekt soll Ende des Jahres öffentlich werden und verschiedene Räume in der Stadt bespielen. Dabei sind Entwicklung und Umsetzung dieser Idee nicht nur Empowerment der Beteiligten und Sichtbarmachen des Engagements, sondern auch Dokumentation von (Frauen-) Geschichte in Bautzen, die sonst einfach verloren gehen würde, wie Fränzi Straßberger vermutet.

Wenn sie von ihrer Arbeit spricht, könnte man denken, dass sie ihre Position seit Jahren ausfüllt. Ein bisschen stimmt das auch, denn vorher war sie Projektleiterin bei der Fraueninitiative Bautzen, weshalb sie bereits in den meisten Netzwerken aktiv war, die auch für ihre neue Stelle relevant sind. Auch inhaltlich kann sie anknüpfen und „an der gleichen Stelle weitermachen, wo ich aufgehört hatte“. Trotzdem hat die Position der Gleichstellungsbeauftragten andere Vorzüge, handelt es sich doch um eine strukturelle Aufgabe. Diese Aussicht war der inspirierende Anstoß für ihre Bewerbung: „Ich bin eher ein Strukturmensch als eine Einzelberaterin“. Auch Fränzi Straßberger durfte sich zur Einarbeitung sechs Wochen lang das Büro mit ihrer Vorgängerin teilen. Die beiden kannten sich nicht nur aus den bisherigen Überschneidungen in der Zusammenarbeit von Fraueninitiative und Gleichstellungsbeauftragter, sondern auch aus einem Praktikum, das Fränzi Straßberger vor fünf Jahren bei Andrea Spee-Keller absolviert hatte.

© Stadt Bautzen

 

Die thematische Ausrichtung ihrer zukünftigen Arbeit ist für Fränzi Straßberger sehr vielfältig. Sie will an der Auflösung enggestrickter Geschlechterbilder mitwirken und auch innerbetrieblich Veränderung anstoßen: der Frauenförderplan von 2012 müsse überarbeitet werden.
Die aktuelle Pandemie-Situation hat ebenfalls mit ihrer neuen Aufgabe zu tun: „Corona wird uns noch lange begleiten. Die Pandemie hat nochmal ein Brennglas auf die Geschlechterungleichheiten gehalten“. Besonders befürchtet sie, dass Frauen, die erwiesenermaßen einen größeren Anteil der Arbeit für Haushalt und Kinder leisten, noch weniger in  öffentlichen Diskursen präsent sind und dadurch unsichtbar werden und wichtige Entscheidungen nicht mit treffen können. Repräsentation war auch vor Corona schon Herzensthema für Fränzi Straßberger. Sie ist aktiv beim Frauen.Wahl.LOKAL Oberlausitz und will politische Partizipation von Frauen fördern. Alarmierend sind dabei die Zahlen: nur ca. 20% der Mitglieder im Gemeinderat Bautzen und 15 % im Kreistag sind weiblich.

Das Wort, das im Gespräch immer wieder fällt, ist „übersetzen“, das ist Fränzi Straßberger sehr wichtig. Das ist wörtlich und im übertragenen Sinne zu verstehen. Es sei wichtig die diverse Zielgruppe der Frauen mit allen Altersgruppen und Lebensrealitäten wirksam zusammen zu bringen und dafür geeignete Formate zu finden, die nicht nur akademisch gebildete Frauen ansprechen. Da zieht sie auch Parallelen zu den Vorkämpferinnen, von denen bereits die Rede war „die hatten keine Zeit, intellektuell abzuheben“. Die Übersetzungsarbeit sei aber auch in den strukturellen Zusammenhängen wichtig: gerade in Sachen Strukturwandel bei der Planung von Stadtgestaltung und regionaler Entwicklung werde Geschlechtersensibilität als Kompetenz und Gleichstellung als Querschnittsthema oft überhaupt nicht nachgefragt oder beachtet, obwohl es überall hingehört. Ob Mobilität, technische Infrastruktur, Bildung oder die Tatsache, dass „wertvolle Arbeit“ meist Industriearbeitsplätze meine; alles hat eine Geschlechterperspektive, sie gehört zu jedem Wandel. „Wie soll die Region attraktiv sein, wenn 50% der Bevölkerung kaum mitgedacht werden?“. Insofern weiß Fränzi Straßberger, dass viel zu tun ist, aber sie weiß auch, dass es einer realistischen Herangehensweise und diplomatischer Fähigkeiten bedarf: „bis jetzt ist es noch viel Beziehungsarbeit“ sagt sie in Bezug auf ihr neues Arbeitsumfeld. Nach einer Vorgängerin, die 30 Jahre im Amt war, müssen sich alle aneinander gewöhnen, auch das sei Übersetzung.

Bernadette Rohlf…

… hat in Görlitz Management Sozialen Wandles (M. A.) studiert, ist freiberuflich bei F wie Kraft tätig und engagiert sich im feministischen*forum (instagram: @feministisches_forum) und bei Sohland lebt! e. V. (https://sohlandlebt.de/).