Katharina Beste gibt Einblicke in die zentralen Ergebnisse ihrer Masterarbeit
Im Strukturwandel im Rahmen des Kohleausstiegs dominieren Fragen rund um Wirtschaft und Arbeit. Wie können die wegfallenden Arbeitsplätze in der Kohleindustrie ersetzt werden? In welche Projekte fließen Fördermittel? Und welche Unternehmen werden neu angesiedelt? Seltener wird darauf geschaut, für wen der Strukturwandel gestaltet wird und wer seine Perspektive in die Planungsprozesse einbringen kann.
Viele verbinden den Lausitzer Braunkohletagebau zunächst mit Männern. Tatsächlich waren vor der Wiedervereinigung jedoch bis zu 52 Prozent der Beschäftigten Frauen. Im Zuge der wirtschaftlichen Umstrukturierungen Ostdeutschlands nach 1990 verloren viele von ihnen früh ihre Arbeitsplätze und wanderten aus der Region ab (Pflücke/Jacobsen 2023; Gabler/Kottwitz/Kollmorgen 2016). Diese Entwicklung verdeutlicht sich bis heute am Fachkräftemangel in sozialen Berufen oder anhand des geringen Frauenanteils in politischen Gremien (Milbert et al. 2026). Zudem erstarken rechte und antifeministische Kräfte in der Lausitz, welche Geschlechtergleichstellung zusätzlich bedrohen (Rahner 2018; Juraschek 2023).
Vor diesem Hintergrund bin ich in meiner Masterarbeit der Frage nachgegangen, wie Gleichstellungsakteur*innen in der Lausitz ihre Arbeit in einem Spannungsfeld aus Strukturwandel und zunehmendem Antifeminismus wahrnehmen und darin handeln. Dazu habe ich Interviews mit kommunalen Gleichstellungsbeauftragten, Mitgliedern von Vereinen und Gewerkschaften sowie Strukturwandelakteur*innen aus der sächsischen und brandenburgischen Lausitz geführt.
Einige zentrale Ergebnisse der Masterarbeit möchte ich im Folgenden genauer vorstellen.
Gleichstellungsarbeit ist in der Lausitz bereits unabhängig vom Strukturwandel stark herausgefordert
Viele Interviewpartner*innen berichteten, dass sie in den kommunalen Verwaltungen häufig nicht oder erst sehr spät in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Gleichzeitig wird die Relevanz ihrer Arbeit immer wieder infrage gestellt, beispielsweise über Aussagen wie: „Wann machen Sie denn mal etwas für Männer?“
Hinzu kommen finanzielle Unsicherheiten, die im sächsischen Teil der Lausitz aufgrund der unsicheren Haushaltslage vieler Kommunen besonders ausgeprägt sind. Viele Vereine sind von Projektförderungen abhängig und können ihre Arbeit bei ausbleibenden oder nicht zugesicherten Fördermitteln kaum langfristig planen. Auch institutionelle Stellen sind nicht mehr selbstverständlich, was die Debatte zum kommunalen Freiheitsgesetz exemplarisch gezeigt hat. Dieses sah vor, die Verpflichtung zum Einsetzen einer hauptamtlichen kommunaler Gleichstellungsbeauftragten abzuschaffen (LAG Sachsen 2025). Gerade aufgrund der finanziellen Unsicherheiten und der politischen Gegenkräfte können zukünftige Projekte nur noch kurzfristig gedacht werden und der Fokus liegt vor allem auf dem Erhalt des Bestehenden.
Gleichstellungsakteur*innen erfahren eine strategische Delegitimation durch rechte Akteur*innen
Die Interviewpartner*innen berichteten, dass insbesondere rechte Fraktionen kommunaler Parlamente regelmäßig umfangreiche Anfragen zu ihrer Arbeit stellen und detaillierte Auskünfte über Aufgaben, Kosten und Notwendigkeit verlangen. Damit werden Gleichstellungstätigkeiten immer wieder abgewertet und delegitimiert. Diese Anfragen binden erhebliche zeitliche Ressourcen und führen dazu, dass Zeit für die eigentliche Gleichstellungsarbeit fehlt.
Im Umgang mit rechten Parteien hat sich gezeigt, dass sich die Gleichstellungsakteur*innen in einem Spannungsfeld befinden. Auf der einen Seite stellen diese Parteien Gleichstellungsthemen offen infrage, auf den anderen Seite bestehen zum Teil Neutralitätsgebote in den kommunalen Verwaltungen, die einen Ausschluss oder eine Benachteiligung einzelner Parteien untersagen. So erzählte zum Beispiel eine Interviewpartnerin, dass sie auch Frauen der AfD-Fraktion zu einem Frauenstammtisch einladen muss, da sie zur Neutralität verpflichtet ist, auch wenn dies gar nicht ihrer persönlichen Haltung entspricht.
Gleichstellungsthemen werden in den Strukturwandelprozessen an den Rand gedrängt
In den Interviews wurde immer wieder deutlich, dass Geschlechtergerechtigkeit von vielen Entscheidungsträger*innen nicht als strukturwandelrelevantes Thema verstanden wird. Ein wesentlicher Grund liegt darin, dass Gleichstellung im Strukturstärkungsgesetz, welches die politische Grundlage für den Kohleausstieg darstellt, nicht berücksichtigt wurde und daher auch kein Förderkriterium für Strukturwandelprojekte darstellt.
Diese fehlende Berücksichtigung spiegelt sich auch in den geförderten Projekten wider. Der Schwerpunkt liegt häufig auf Industriearbeitsplätzen, MINT-Berufen und wirtschaftlicher Entwicklung. Soziale Infrastruktur, Pflege, Kinderbetreuung oder kulturelle Angebote, die aufgrund geschlechterbezogener Unterschiede in Berufswahl und Sorgearbeit häufiger Frauen zu Gute kommen würden, erhalten hingegen weniger Aufmerksamkeit. Die Interviews zeigen somit, dass Gleichstellung im Strukturwandel bislang nicht als Querschnittsaufgabe verstanden wird.
Die Handlungsmacht der Gleichstellungsakteur*innen
Trotz dieser strukturellen Hürden hat sich gezeigt, dass die Gleichstellungsakteur*innen diesen Entwicklungen keinesfalls passiv ausgeliefert sind, sondern vielfältige Strategien entwickeln, um handlungsfähig zu bleiben.
Eine besonders zentrale Strategie ist dabei das Bilden von Netzwerken und Bündnissen, das von allen Interviewpartner*innen als zentrale Ressource hervorgehoben wurde. Die Netzwerke dienen zum einen dazu, sich im Arbeitsalltag zu unterstützen, was insbesondere im Kontext von Rechtsextremismus und Antifeminismus relevant ist. Zum anderen werden sie genutzt, um das Thema Gleichstellung im Strukturwandel gemeinsam voranzubringen.
Ein besonders bedeutsames Beispiel ist das Bündnis Gleichstellung Lausitz, das von den kommunalen Gleichstellungsbeauftragten gegründet wurde. Mithilfe der Aktivitäten des Bündnisses – dazu gehören das Verfassen eines Positionspapiers (siehe Bündnis Gleichstellung Lausitz 2023) sowie die Organisation mehrerer Gleichstellungskonferenzen in der Lausitz – konnte das Thema Geschlechtergerechtigkeit in die Strukturwandelprozesse eingebracht werden. Die Bündnisarbeit hat entscheidend dazu beigetragen, eine Debatte über Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel anzustoßen und darüber mit politischen Entscheidungsträger*innen ins Gespräch zu kommen.
Die Ergebnisse der Masterarbeit haben hervorgehoben, wie bedeutsam, aber auch wie bedroht Gleichstellungsarbeit aktuell und ganz besonders in der Lausitz ist. Der Strukturwandel bietet dennoch viele Potenziale für die Region, auch für das Thema Gleichstellung, wenn Prozesse geschlechtersensibel konzipiert und Gleichstellungsakteur*innen mehr gehört und einbezogen werden.
Katharina Beste...
hat gerade ihr Masterstudium in Soziologie an der Universität Potsdam abgeschlossen. Zuvor studierte sie Soziologie und Geschichte im Bachelor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Über ihre Arbeit als studentische Hilfskraft am Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS) in Potsdam hat sie die Lausitz als Region kennengelernt und interessiert sich besonders für Geschlechterfragen im Strukturwandel. Die hier vorgestellten Ergebnisse sind Teil ihrer Masterarbeit und sollen in ihrer zukünftigen wissenschaftlichen Arbeit vertieft werden.
Literaturverzeichnis
- Bündnis Gleichstellung Lausitz (2023): Mehr Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel in der Lausitz. Positionspapier
- Gabler, Julia/Kottwitz, Anita/Kollmorgen, Raj (2016): Wer kommt? Wer geht? Wer bleibt? Eine Studie zur Verbesserung der Verbleibchancen qualifizierter Frauen im Landkreis Görlitz. Unter Mitarbeit von Ulrike Gräßel und Fränzi Straßberger. Görlitz: Landratsamt Görlitz.
- Juraschek, Alice (2023): Kommunale Gleichstellungsbeauftragte: im Spannungsfeld von gesetzlichem Auftrag und Angriffen von innen und außen. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.): Antifeminismus und Hasskriminalität. Berlin: Amadeu Antonio Stiftung, S. 244–255.
- LAG Sachsen (Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten Sachsen) (2025): Stellungnahme der LAG der Kommunalen Gleichstellungsbeauftragten zu den Vorschlägen des Sächsischen Innenministeriums für das Kommunen Freiheitsgesetz. In: gleichstellungsbeauftragte-sachsen.de, vom 19.05.2025, URL: https://gleichstellungsbeauftragte sachsen.de/aktuelles/stellungnahme-zum-kommunen-freiheitsgesetz/ [letzter Zugriff 29.07.2026].
- Milbert, Antonia/Blätgen, Nadine/Porschke, Alina/Runge, Annika/Stürmer, Elisabeth (2026): Strukturwandel braucht Gleichstellung. Eine Sonderauswertung des Gender-Index für die Lau sitz. BBSR-Online-Publikation 04/2026. Bonn: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR).
- Pflücke, Virginia Kimey/Jacobsen, Heike (2023): Keine Zukunft ohne Kohle? In: PROKLA 53 (212), S. 515–535.
- Rahner, Judith (2018): Interviewstudie: Gleichstellungsarbeit in Zeiten rechtspopulistischer Dynamiken. In: Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen (BAG) (Hg.): Antifeminismus als Demokratiegefährdung?! Gleichstellung in Zeiten von Rechtspopulismus. Berlin, S. 27–35.
