Arbeit

… UND IN FINSTERWALDE SCHEINT DIE SONNE

Es ist noch dunkel als Pauline und ich nach Finsterwalde aufbrechen. Vier Frauen sind unser Grund, aus dem 100km entfernten Görlitz nach Finsterwalde zu reisen, um die Finsterwalderinnen endlich persönlich kennenzulernen. Im Zuge unserer Recherchen zu engagierten Frauen in der Lausitz sind wir schnell auf sie gestoßen: Maria Goldberg, Stephanie Auras-Lehmann, Sandra Spletzer und Stefanie Richter werden heute nicht zum ersten Mal interviewt und sind quasi alte Medien-Häsinnen.

Unser Weg führt uns aus Görlitz in Richtung Norden, durch Wald und Heidelandschaft, vorbei an kleinen und großen Ortschaften, Kraftwerken und Tagebauseen und stimmt uns auf unser Thema ein. Wie schaffen es vier Frauen aus Finsterwalde, Menschen zu überzeugen in diese vom Strukturwandel gebeutelte Region zurückzukehren? Das Thema Rückkehr ist ihre Leidenschaft. Sie selbst sind aus Großstädten wieder in die Lausitz gezogen und haben schnell gemerkt: Es ist nicht nur eine Frage des Jobs, hier wieder leben zu können. Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Vier heute auch beruflich. Sie wollen viele Menschen in die Region locken: Zum Gucken, zum Austauschen, zum Dableiben… Wieso und wie machen sie das? Was ist ihr Geheimnis? Wir wollen wissen, was andere Unternehmerinnen, Rückkehrerinnen und Netzwerkerinnen von ihnen lernen können.

In Finsterwalde angekommen steht die Sonne mittlerweile hoch am Himmel und auch wir strahlen vor Vorfreude, sogar als wir uns zunächst in den verwinkelten Gässchen verirren. Wir staunen über den mittelalterlichen Charme des Zentrums und gelangen auch bald an unser Ziel – dem Büro der Willkommensagentur „Comeback Elbe-Elster“. Das Büro ist lichtdurchflutet und liebevoll eingerichtet. Die Arbeitsplätze können gleichzeitig als Coworking-Space gemietet werden. An einer Wand befindet sich ein kleiner Heimatladen mit Spreewaldgurken und Selbstgebasteltem. Wir werden herzlich begrüßt. Zu unserem bunten Haufen gesellt sich noch Tine Jurtz. Sie ist Fotografin aus Bad Muskau. Sie porträtiert auf ihrer Website starke Frauen aus der Lausitz und hat uns angeboten, ein paar schöne Fotos während unseres Treffens zu schießen. Es duftet nach Kaffee, der Tisch ist bunt gedeckt, wir fühlen uns auf Anhieb wohl und quatschen sofort drauf los.

VERNETZUNG, SICHTBARKEIT, ERREICHBARKEIT

Meine Frage, ob die Vernetzung engagierter Macher*innen in Finsterwalde wirklich so gut ist, wie wir überall gelesen haben, beantworten die Vier einstimmig und lachend mit einem Ja. Das Willkommensnetzwerk ist durchaus erfolgreich, für viele offene Stellen haben sich Rückkehrer*innen gefunden, so Stephanie Auras-Lehmann. Außerdem hat der Landkreis Elbe-Elster jetzt drei Coworking-Spaces, die IHK modernisiert sich, man kann gemeinsam etwas bewegen. Es gibt aber immer noch Luft nach oben. Zum Beispiel müsse noch mehr für die Einbindung der „Einheimischen“ getan werden, denen es teilweise aufstößt, dass nur Rückkehrer*innen besonders umschmeichelt werden. Hier muss das Ziel sein, alle mitzunehmen. Dies kann durch gute Sichtbarkeit und Erreichbarkeit erzielt werden. Deshalb experimentieren Sie zum Beispiel mit ihren Öffnungszeiten, haben einen Bücherschrank vor dem Laden, organisieren öffentliche Aktionen.

DIE MENSCHEN ERNST NEHMEN, IDEEN WEITERVERFOLGEN

Pauline und ich wollen von den Finsterwalderinnen wissen, was „Lausitz“ und „Strukturwandel“ für sie bedeuten. Sandra Spletzer sieht den Strukturwandel als Chance und ist überzeugt, dass die meisten Lausitzer*innen Gestaltungsbedarf und Ideen haben. Um diese zu nutzen, müsse jedoch mehr in sozialen Zusammenhalt und in Sozialstrukturen investiert werden. Somit kann der Region eine neue Identität gegeben und die Lausitz positiver auf der Deutschland-Karte verortet werden. Ihr Netzwerk trifft sich regelmäßig mit der Brandenburgischen Staatskanzlei und kann somit auch jenseits von Konferenzen, Bürgermeisterrunden und Kommissionen Wissen und Ideen weitergeben.

Stephanie Auras-Lehmann findet es essenziell, zivilgesellschaftliches Engagement zu fördern und auch daraus Arbeitsplätze entstehen zu lassen. Sie hat schon an vielen Bürgerbeteiligungsprozessen teilgenommen, hatte jedoch nie das Gefühl, sich wirklich einbringen zu können. Als Bewohnerin einer „Randregion“ fühle man sich bei großen, zentralen Konferenzen und Diskussionsforen in der Landeshauptstadt oft nicht wahrgenommen. Diese seien zudem männerdominiert und es kämen „immer die Gleichen“. Im Allgemeinen fühle es sich wirkungsvoller an, vor Ort und im kleinen Kreis Dinge zu bewegen. Auch dafür bedarf es aber einiger Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel der Ausbau der digitalen Infrastruktur. Auch sie ist überzeugt, dass die Bürger*innen der Lausitz unzählige gute Ideen haben, jedoch viele nicht wissen, wie sie diese umsetzen und wen sie diesbezüglich ansprechen können. Die Menschen haben große Lust, sich zu engagieren und trotzdem werden Beteiligungsprozesse kaum angenommen. Dies passt für sie nicht zusammen – hier müsse sich noch einiges tun. Maria Goldberg und Stefanie Richter pflichten ihr bei. Sie sehen das Problem darin, dass Prozesse zu lange dauern und die Gründe dafür nicht von außen erkennbar sind – die Nichtinformation sorge für Frust bei Außenstehenden.

„WIR BRAUCHEN JETZT JUNGE ENTSCHEIDER*INNEN!“

Der Strukturwandel betrifft natürlich nicht nur die Frauen, aber um in Unternehmen, Netzwerken, Organisationen etc. innovativer und moderner zu werden, ist Frauenkraft gefragt, so Stefanie Richter.

Stephanie Auras-Lehmann betont, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiterhin ein entscheidendes Hemmnis für politisches und zivilgesellschaftliches Engagement sein kann. Es bräuchte mehr alternative, regionale Kinderbetreuungsmöglichkeiten wie Babysitter*innen oder Leihomas/Leihopas für Randzeiten, besonders für Schichtarbeiter*Innen und Alleinerziehende, mehr regionale Weiterbildungsangebote und mehr unkomplizierte und niedrigschwellige Austauschmöglichkeiten zum Thema Work-Life-Balance.

Maria Goldberg bezeichnet sich als sehr gut vernetzt, redet gerne mit und mischt sich ein, jedoch merkt sie, dass sie von manchen Entscheider*innen nicht wahrgenommen wird. Auch Stefanie Richter berichtet, dass die männliche Dominanz in vielen Bereichen bereits aufweicht, aber dass Frauen sich in politischen Gremien jedoch oft durchbeißen müssen. Die vier Frauen stellen fest, dass gerade bei der älteren Unternehmer*innenschaft noch ein ausgeprägtes Konkurrenzdenken herrscht, welches Vernetzung und Fortschritt hemmt. Jedoch stimmen alle der These zu, dass ein Generationswechsel bereits im Gange ist und in diesem Zuge auch eine Gleichberechtigung der Geschlechter einziehen wird. Von Wirtschaft und Politik, so Maria Goldberg, müsse signalisiert werden, dass junge Entscheider*innen jetzt gebraucht werden. Sonst, befürchtet sie, werden die ersten jungen Engagierten die Region bald wieder verlassen.

Einig sind sich die vier Finsterwalderinnen, dass Netzwerken allein nicht reicht. Netzwerken braucht gemeinsame Vorhaben und Maßnahmen, die man zusammen entwickelt, umsetzt und nachhaltig weiterverfolgt. Sie suchen und wünschen sich Austauschmöglichkeiten mit engagierten Frauen aus der ganzen Lausitz, wobei ihnen sehr wichtig ist, dass keine zusätzlichen Netzwerke entstehen, sondern dass bestehende Netzwerke zusammengebracht werden.

W WIE ENERGIE – WEIBLICHE ENERGIE IN DER LAUSITZ

Die Sonne hat sich bereits hinter dicken Wolken verkrochen, als Pauline und ich nach 3 Stunden wieder im Auto in Richtung Görlitz sitzen – aber ein inneres Strahlen begleitet uns. Wieder zieht die Tagebaulandschaft an uns vorbei. Wir lassen sie ziehen, unterhalten uns aufgewühlt und spinnen unendlich viele neue Pläne für „F wie Kraft“. Die Energie des Tages in Finsterwalde trägt uns. Wir sind fasziniert, was diese Region für eine weibliche Energie hat. Sie scheint ein durch Frauen aufgespürter Energiepark zu sein – ein Energiepark der Zukunft vielleicht? Ist es Zeit für einen neuen Claim?
W wie Weibliche Energie in der Lausitz – verbraucht sie nicht nur, sondern speichert sie!

Stephanie Auras-Lehmann

Stephanie Auras-Lehmann

…konnte nach ihrer Rückkehr nach Finsterwalde keine passende Anstellung finden, so kam ihr die Idee, die Willkommensagentur zu gründen. Sie ist begeisterte Netzwerkerin und kennt die halbe Lausitz. Viele gute Ideen und Vorhaben gibt es für die Lausitz, jedoch verbleiben diese oft in der Ideenphase und es kommt nicht zur praktischen Umsetzung. Außerdem setzt sie sich für mehr Bürger*innennähe von Vorhaben ein – sie möchte neben engagierten Rückkehrer*innen auch die „Bleibefrauen“ erreichen.

Stefanie Richter

Stefanie Richter

… ist Regionalmanagerin der IHK Cottbus in Elbe-Elster. Im Rahmen ihrer Arbeit hat sie gemerkt, dass unternehmerische Frauen starken Gegenwind erfahren. In politischen Gremien müssen Frauen sich stärker durchsetzen, am Verhandlungstisch mit Geschäftspartnern, Wirtschaftsförderern oder Kreditgebern erleben sie durchaus Zurückweisungen. Zur Unterstützung organisiert die IHK regelmäßig Netzwerkveranstaltungen für Unternehmerinnen. Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind neben Kniffen und Tricks eben jener „Durchsetzungszwang“, mit dem Frauen oft konfrontiert sind.

Sandra Spletzer

Sandra Spletzer

… arbeitet seit 2017 für Comeback Elbe-Elster und ist dort vor allem für das Brandenburger Netzwerk der Rückkehrerinitiativen Ankommen in Brandenburg zuständig. Das Netzwerk vereinigt Engagierte aus ganz Brandenburg – Wohnungsgesellschaften, Marketingvereine, freie Initiativen, Unternehmerverbände oder Wirtschaftsförderer. Gerade Frauen engagieren sich in diesen Organisationen aktiv für die Förderung von Rückkehr und Zuzug.

Maria Goldberg

Maria Goldberg

… hat sich als zurückgekehrte Selbstständige hier einsam gefühlt und deshalb ein eigenes Netzwerk, die Neopreneurs, gegründet. Sie ist immer noch erstaunt, wie viele Gründer*innen es in der Region gibt. Die Neopreneurs richten sich nicht explizit an Frauen. In der neuen Generation der jungen Gründer*innen begegnen ihr selten Geschlechtervorteile oder gar -diskriminierung. Als Herausforderung sieht sie zurzeit den Umgang mit Mitgliedern an, deren politische Positionen undemokratische Tendenzen zeigen. Das Thema beeinflusst sie in allen Lebensbereichen.

Fotos: Tine Jurtz

Es ist noch dunkel als Pauline und ich nach Finsterwalde aufbrechen. Vier Frauen sind unser Grund, aus dem 100km entfernten Görlitz nach Finsterwalde zu reisen, um die Finsterwalderinnen endlich persönlich

...

„EIN BISSCHEN PFEFFER UND CHILI“

Ein Gespräch mit Prof.in Dr.in Mandy Schulze über Hochschule, Weiterbildung und Transformationsprozesse in der Oberlausitz.

Sie gehört zur sogenannten Dritten Generation Ostdeutschlands. Also zu den Menschen, die etwa zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden, die der Debatte um die Neuen Länder neue Impulse geben wollen und sich dem Engagement in Ostdeutschland verschrieben haben. Prof.in Dr.in Mandy Schulze. Jahrgang 1976, wuchs in Löbau-Ost auf. Eine Rückkehrerin. An der Hochschule Zittau/Görlitz ist sie seit Mai 2019 Professorin für Sozialarbeitswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialraumentwicklung am Standort Görlitz und Mitglied im TRAWOS Institut für Transformation, Wohnen und soziale Raumentwicklung.

Soziale Arbeit ist der größte Studiengang der HSZG. Die fast 700 Studierenden an der Fakultät Sozialwissenschaften in Görlitz machen etwa ein Viertel der gesamten Hochschule aus. „Dafür kommen wir noch sehr wenig vor“, Mandy Schulze lacht. Sie freut sich, dass sie das nun ändern kann. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre, Soziologie und Erziehungswissenschaften in Mannheim, Heidelberg und Berlin. Sie promovierte über Weiterbildende Studiengänge an Hochschulen an der Humboldt Universität zu Berlin, ist Mitbegründerin des Vereins Perspektive³ und im Redaktionsteam der Zeitschrift Hochschule und Weiterbildung (ZHWB).

Das Thema der Hochschulweiterbildung zieht sich schon lange durch ihren Lebenslauf. „Für mich hat persönliche und berufliche Erfahrung ganz viel mit Weiterbildung zu tun“, sagt sie. Eines merkt man sofort im Gespräch mit Mandy Schulze: sie hinterfragt bestehende Strukturen. Spontan spinnt sie eine völlig logische Verbindung zwischen Grenzen der Hochschulentwicklung und physischen Grenzen. „Was ist Hochschule, was Weiterbildung, was Wissenschaft? Grenzen sind fließend. Auch ein Thema – jetzt wo die Grenzen wieder zu sind.“

Gerade hat sie den Band Hochschulweiterbildung als Forschungsfeld – Kritische Bestandsaufnahmen und Perspektiven mitherausgegeben. Das Themenfeld Hochschulweiterbildung wird dabei anhand aktueller Forschungsergebnisse systematisch aufbereitet, Entwicklungsbedarfe sichtbar gemacht. „An was wird denn aktuell geforscht? Wo guckt eigentlich keiner hin? Wo sind die Themen, die nicht hinterfragt werden?“ Das ist Schulzes Forschungsfeld. Hier kennt sie sich aus.

„Die Entwicklung von Fachhochschulen finde ich total spannend“, sagt Schulze. „Die HSZG hat eine unglaubliche Bandbreite an Studienfächern. Leider gibt es weniger Studierende in den technischen Studiengängen. Dagegen bewerben sich in den Sozialwissenschaften in Görlitz 400 Prozent auf 90 Plätze. Etwa 100 werden immatrikuliert.“ Schulze liegt das Thema der Hochschulweiterbildung am Herzen. Aber nicht aus einem wirtschaftlichen Faktor heraus: Was macht eine Hochschule zur Hochschule beim Angebot von Weiterbildung? Die Vergabe akademischer Titel? Es gehe nicht allein um den Titelerwerb. „Bekommen wir beruflich Qualifizierte an die Hochschule, um mit ihren Erfahrungen und theoretischer Auseinandersetzung Neues zu entwickeln? Und wie durchlässig ist die Hochschule im Gegensatz zur beruflichen Bildung? Wo hört denn die berufliche Bildung auf und wo fängt eine wissenschaftliche Bildung an? Wie sollte denn so ein Angebot aussehen?“

Welche Rolle kann die Hochschule zukünftig einnehmen? „Bieten wir an, was Unternehmen brauchen? Durch Studiengänge und disziplinäres Denken?“ Schulze sagt, das funktioniere nicht (mehr), trotzdem mache man es noch so. Gerade in der Weiterbildung wäre das spannend. „Wenn man fragt – Was braucht ihr in eurem Unternehmen in fünf Jahren für Personal? – kann das keiner beantworten. Wir gehen fälschlicherweise von Konstanten aus, dabei ist alles viel lebendiger.“ Sie sagt: Hätte man die Leute vor fünfzehn Jahren gefragt, ob sie ihre Emails von überall abrufen oder Filme auf dem Telefon sehen wollen, hätten sie gesagt, nö, ich kann ja zu Hause nachschauen. Dann kam das iPhone. Und alle wollten tragbare Informationen. „In Lösungen denken“, sagt Schulze, „nicht in Produkten.“

Seit 2015 gibt es mehr Studienanfänger*innen als Berufsausbildungsanfänger*innen. Studiengänge orientieren sich aber nur bedingt am aktuellen Arbeitsmarkt, weil akademisches Wissen unabhängiger ist, sagt Schulze. „Immer mehr wird akademisiert (wie die Kindheitspädagogik) – das ist auch gar nicht schlecht, weil dadurch Forschungsfelder entstehen.“ Wissenschaftliche Weiterbildung sei dafür ein Kommunikationsweg. „Die Virologen in der aktuellen Corona Pandemie haben sich vernetzt; das ist modern. Sich nicht gegenseitig die Masken wegschnappen oder Grenzen schließen. Sondern sich zusammentun, Know-how teilen.“ Sie meint damit auch, verschiedene Expertisen zulassen, die Meinung von Wirtschaftswissenschaftlerinnen, Fachkräften der Sozialen Arbeit und IT-Spezialisten.

Schulze sagt, diese veraltete Vorstellung von: „Wir als Hochschule haben das Wissen inne, schicken es in die Wüste, wo man nach Wissen dürstet, und dann erzählen wir den Unternehmen wie es geht“, gelte nicht mehr. Große Unternehmen forschen längst selbst in ihren Bereichen.

Es ist anscheinend nicht die eine Idee – es ist die Praxis, die Menschen wie Mandy Schulze und ihr Handlungswissen braucht. „Man sollte sich über die Rolle einer regionalen Hochschule bewusst werden. Und zwar gemeinsam“, sagt Schulze. Die wissenschaftliche Weiterbildung sei eine Möglichkeit, mit Problemen und Unsicherheiten umzugehen. „Wir wissen doch, was regional los ist.“ Die Öffnung von Hochschule für Weiterbildungsabschlüsse kann moderne Wissenschaft etablieren – „Das ist so meine thematische Leibspeise“, sagt Schulze. „Da liegt die Zukunft drin.“

Das klingt, als hätte Schulze schon die Lösung. „Wie können wir Probleme lösen, ohne die eine Lösung zu haben? Dass, was wir tun müssen, ist unsere theoretische Brille aufzusetzen und mit einem transdisziplinären Blick mit verschiedenen Perspektiven auf die Dinge zu gucken und sie zu klären.“ Die Hochschule muss sich fragen: was ist unser Auftrag – welche gesellschaftlichen Probleme wollen wir mit Hochschule beantworten?

Eine Frage jagt die nächste. Und es sind große Fragen, die Schulze sich stellt. Wie bekommen wir Wissenschaft in die Gesellschaft und umgekehrt? Wie sieht praxisfeldbasierte Erkenntnis aus? Wie kann Hochschule gesellschaftliche Themen aufarbeiten, einen Transfer leisten? Was macht die wissenschaftliche Weiterbildung zu einer wissenschaftlichen Weiterbildung? Wie sollte denn so ein Angebot aussehen? Und am Ende steht die vielleicht wichtigste Frage: Wie kann das auf unser Sozioökologisches System Oberlausitz passen?

1988 hatte Zittaus damalige Ingenieurhochschule den Status einer Technischen Hochschule erhalten, zuvor schon das Promotionsrecht. Das verlor sie mit der Neugestaltung der sächsischen Hochschullandschaft nach der Wende wieder, wurde zur Fachhochschule degradiert. „Das macht ja etwas mit der Region“, sagt Schulze. Sie selbst verließ kurz nach der Wende ihre Heimat. 2010 gründete Schulze mit Mitstreiterinnen die Initiative 3te Generation Ostdeutschland. Dafür sind sie 2013 mit dem Gustav-Heinemann-Bürgerpreist und 2020 mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet worden. Mit der Perspektive3 -Studie will Mandy Schulze die Beteiligung ihrer Generation am Wandel in Ostdeutschland unterstützen – in einen Lernprozess kommen, in einen Dialog.

Wie positionieren wir uns als Fachhochschule in der Hochschullandschaft?“ „Wie weit wollen wir uns öffnen? Wie können wir über Unternehmensstrukturen und gesellschaftliche Voraussetzungen in unserer Region reden? Wir müssen in eine Beziehungshaftigkeit, in einen Diskurs kommen, sagt Schulze. „Und zwar nicht nur, indem einer vorne steht und mit einer Power Point Präsentation seine wissenschaftlichen Studien erklärt. Wir müssen andere Formen finden, miteinander zu reden und anwendungsorientierter zu arbeiten.“

Es brauche eine gewisse Lehrbasis, sagt Schulze. „Natürlich müssen wir in der Lehre gewisse Perspektiven aus einem Fachzusammenhang vermitteln. Das verstehe ich auch unter Wissenschaft.“ Ihre Studierenden sollen sich darüber hinaus eine gewisse Haltung erarbeiten. „Ich werde gemeinsam mit ihnen argumentieren“, aber das sei kein fester Bildungskanon. „Die Studierenden brauchen mich nicht nur als Inputgeberin, die sie mit Wissen vollstopft. Die brauchen jemanden, der gemeinsam mit Ihnen Fragen stellt.“ Es dauere eben diese sieben Semester, sagt Schulze, „bis man sich sein Thema schnappt, seine Bachelorarbeit schreibt, und alles, was man gelernt hat, in diese Arbeit gießt. Am Ende hat sich jemand zu sich selbst gemacht, indem er sich eine eigene Perspektive erarbeitet hat.“

Mandy Schulze sagt, „ich bereichere mit meiner Perspektive auf Netzwerke.“ Zusätzlich zur Lehre, läuft die Auseinandersetzung und Forschung mit ihren Themen immer nebenbei – sie freut sich über diese spannende Zeit der Transformationsprozesse. „Genau wie zur Wendezeit sind Strukturen weggebrochen und neue entstehen.“ Schulze regt an, diese (unsichere) Zeit zu nutzen: was gibt es für Gemeinwesenarbeit? Wieviel von meinem Wissen kann ich einsetzen? Und was nicht? Mit wem stimme ich mich ab, oder nicht? „Wir können nicht sagen, wie es weitergeht. Es könnte alles auch ganz anders sein. Da ist eine Unsicherheit, die wir aushalten müssen. Ein Lernprozess in der modernen Zeit – und der muss ein bisschen Pfeffer haben und Chili!“

Text: Sophie Herwig – HSZG, Foto: HSZG

Der Text ist im Original erschienen auf den Seiten der Hochschule Zittau/Görlitz und des TRAWOS-Instituts.

 

 

Ein Gespräch mit Prof.in Dr.in Mandy Schulze über Hochschule, Weiterbildung und Transformationsprozesse in der Oberlausitz.

Sie gehört zur

...

(Ver)Kommen, (Dran)Bleiben und (Ab)Gehen - Ein Lausitzdrama in drei Akten

Teil 2 - (Dran)Bleiben

„Kämpfe für die Dinge,
die dir wichtig sind,
aber tue dies auf eine Weise,
die andere dazu bringt,
sich dir anzuschließen.“

(Ruth Bader Ginsburg)

Dranbleiben kleiner

© Anne Isensee

Ich drücke drauf und langsam kommt Licht ins Dunkel. Ich kenne derzeit kein angenehmeres Gefühl, als diesen Schalter zu bedienen und dabei zuzusehen, wie sich die Rollläden langsam nach oben wabern und den Laden in seiner unfertigen Gemütlichkeit erwachen lassen. Ich kicke gekonnt den Türstopper unter den Eingang und lüfte einmal kräftig durch. Eine Routine in einer neuen Art zu Hause. Beides scheint mir in Zeiten von Corona alles andere als selbstverständlich. Ich bin zufrieden. Ich fühle mich privilegiert.

Efeu durch die Institutionen!

Meine letzten fünfzehn Monate in Görlitz lassen sich als aufeinanderfolgende Hochdruckgebiete beschreiben, die fast immer gutes Wetter mit sich brachten. Bis heute müssen aber auch alle mit Hochdruck daran arbeiten, dass das so bleibt. Das Rathaus-Unglück von 2019 konnte in letzter Sekunde durch einen (relativ klassischen) Alleingang der CDU abgewendet werden. Und auch ich musste unter Schmerzen mein Kreuz für die christlich konservative Partei setzen. Wie es dazu kommen konnte, ist mir bis heute kein Rätsel. Ich betrachtete es als natürliche Selbstkasteiung meiner politischen Verantwortung. Ich bin ein Systemkind, das die Bündnisbereitschaft in Deutschland grundsätzlich feiert und für alles andere als selbstverständlich hält. Während Strukturwandel und gesellschaftliche Veränderungen in anderen Demokratien zu scheinbar unaufbrechbaren Verhärtungen führen, halte ich die hiesige Gesprächsbereitschaft und die zivilgesellschaftliche Parkettfähigkeit für einen riesigen Vorteil.

Und diese Prozesse laufen eben nicht ohne Widersprüche, Risiko und Scham. Die lokale Antifa nahm mir im Zuge des zweiten Bürgermeister-Wahlgangs mein schlechtes Gewissen, indem sie den bezeichnenden Slogan: „Antifa heißt heute CDU wählen“ im Netz teilte. Verständlicherweise wurden kurz darauf alle Spuren gründlich verwischt. Der ursprüngliche Post ist heute kaum noch zu finden. Wer sucht, stößt nur auf seitenweise Online-Kritik. Doch meiner Meinung nach ist dieser Ausspruch der lebendige Beweis dafür, dass sich in Ostsachsen nicht Möchtegerns - wie bspw. in meinem ehemaligen Zuhause Berlin Neukölln – gegenseitig bestätigen und verbünden, sondern ganz eigenartige Möchteungerns. Möchteungerns, die trotz aller inneren Widerstände genau das tun, was als letzter, ungemütlicher Weg übrig bleibt. Möchteungerns, die sich nicht vertreten fühlen und als Folge efeumäßig durch die Institutionen wachsen. Möchteungerns, die daraufhin immer wieder an Mauern stoßen, einmal drumherum florieren und vielleicht irgendwann mit dem eigenen Blatt das Darunterliegende unkenntlich machen. Jedenfalls ein Danke an alle Möchteungerns[1], die an Mauern im Wind wachsen und dabei doppelte Breitseite ernten!

Ihre Erfahrungen, Wünsche und Potenziale werden im Strukturwandel oft unterschätzt. Trotz aller Notwendigkeit werden ihre jungen und alternativen Perspektiven kaum bewusst mitgenommen oder in Wert gesetzt. Ein Beispiel: Schon jetzt ist die Hälfte aller Menschen in Görlitz und Bautzen über fünfzig Jahre alt. Dieser gehörige demografische Druck provoziert aus sich heraus die Entwicklung einer Strategie, die jungen und gebildeten Nachwuchs hält bzw. holt. Wie sollen diese Strategien jedoch erfolgreich erarbeitet werden, wenn - wie die eindrückliche Darstellung von Antonia Mertsching beweist - Entscheidungsträger*innen im Strukturwandelprozess (als Durchschnitt auf allen Handlungsebenen) zu 74 % aus Männern, größtenteils über fünfzig, bestehen? No prejudices: Aber mich würde schon interessieren, welche Quellen sie konkret zur Bedarfserhebung nutzen, um junge Frauen wie mich außerhalb ihres Arbeitsplatzes (der mittlerweile überall liegen kann) abzubilden. Mein Vater würde jetzt sagen, es dreht sich eben nicht alles nur um dich, Prinzessin, das Leben ist kein Wunschkonzert. Ich würde darauf antworten, selbst wenn es eines wäre, hier würde es kaum einer hören.

Achtung Manipulation!

Ich fasse nochmal zusammen: Wenn also 85 Männer gegenüber 22 Frauen über eine nachhaltige Zukunft eines neuen Nachwuchses in dieser Region entscheiden, ohne ihm zuzuhören und daraufhin Milliarden verteilen, dann ist das leider ziemlich unfair und auch einfach nicht erfolgsversprechend.

Das entspricht in etwa der Sinnhaftigkeit eines Vorwurfs, dem rund dreißig Menschen auf der Bürgerratswahl der Innenstadt Ost von Görlitz an einem Abend im November 2019 ausgesetzt waren. Als sich der prunkvolle Saal der KommWohnen GmbH zunehmend mit Kapuzenpullis, bunten Jacken und Nasenpiercings füllte, wuchs die Anspannung im Raum und jemand äußerte ernsthaft den Verdacht, dass wir mit Bussen aus Dresden angereist wären um … naja, um genau was zu tun? Um unrechtmäßig über die Zukunft eines uns fernen Stadtteils mit Themen, die uns null betreffen, zu entscheiden?

Auf dieser Wahl ist nichts anderes passiert, als dass über dreißig junge Menschen aus der Nachbarschaft ihr Recht auf Partizipation in Anspruch genommen haben. Sie waren es satt, dass der verlängerte Arm in den Stadtrat mit Menschen besetzt war, die nicht die Zukunft, wohl aber eine verschrobene Vorstellung von Gegenwart und Vergangenheit vor Augen hatten. Als dann das Ergebnis verkündet wurde und alle rechtskonservativen Kräfte durch drei Frauen und zwei Männer U35 ersetzt wurden, fühlte ich an mir eine bis dahin weitgehend unbekannte und sehr wohlige Selbstwirksamkeits-Gänsehaut hochkriechen. Im Foyer begegnete uns kurz darauf ein Ehepaar Ü60, bedankte sich für unser Engagement und fragte, wo wir unser Bier her hätten. Sie säßen nämlich schon seit zwei Stunden auf dem Trockenen…

In der örtlichen Presse – bei der ich es mir mittlerweile zur Aufgabe gemacht habe, besonders herausragende Artikel zu sammeln – wurden wir daraufhin im Leitartikel über mehrere Seiten als biertrinkende, krawallige Anti-Establishment-Rowdies dargestellt, die die Wahl manipuliert hätten. Auf der Titelseite waren drei ältere Menschen mit einem Transparent vor dem Wilhelmsplatz dargestellt, die im trumpesken Stil ganz einfach und ohne stichhaltige Beweise die Wahl nicht anerkennen wollten. Allein die Tatsache, dass es für eine Manipulation gehalten wird, wenn junge Menschen im Bezirk plötzlich sichtbar werden und ihre Interessen und Wahlrechte in Anspruch nehmen, macht mich einfach nur sprachlos. Sind wir selbst daran schuld?

Wer kümmert sich um die?

Ich sehe natürlich ein, dass unser Auftreten und unsere Ansprüche Andere auch ziemlich sprachlos machen können. Menschen, die seit fünfundzwanzig Jahren mit schlechtem Verdienst, aber ohne Mucksen im gleichen Betrieb arbeiten, die zwölf Stunden pro Tag am besten noch mit Ehepartner*in im eigenen Bistro frittieren, Frauen, die sich tagein tagaus in der Pflege ihren Rücken kaputt machen und statt respektvoller Bewunderung ein „Alter, wieso tust du dir das an?“ von uns ernten, all diesen Leuten fehlt sicher nicht grundlos Verständnis für unsere Realität. Und ehrlich, es tut mir unheimlich Leid, dass all das existiert. Aber es ist verkehrt und ein Trugschluss, wie einige immer noch glauben, dass wir jungen Nichtsnutze uns aus Solidarität auch solchen Zuständen aussetzen sollten. Damit ändert sich nämlich gar nichts. Stattdessen bremsen unsere wachsenden Ansprüche zukünftige Ausbeutung, provozieren bessere (Arbeits-) Bedingungen und machen den Strukturwandel damit zugegebenermaßen ein ganzes Stück komplexer. Denn wie soll man zielgerichtet auf Aussagen wie diese reagieren: „Ja, also wenn‘s möglich ist, würde ich maximal dreißig Stunden die Woche arbeiten. Mein Job und meine Umgebung müssen mich mit Sinn erfüllen. Und wenn das nicht mehr der Fall ist, dann zieh ich eben weiter. Ich hab auch nichts gegen eine zeitweilige Arbeitslosigkeit. Meine WG, mein Anspruch und mein Lifestyle verlangen nicht viel Cash. Ich bin erst dreißig Jahre jung und Rente bekomme ich so oder so keine! Take that, life is a journey!“.

Neben all den wachsenden Ansprüchen haben wir auch noch tausend unsichtbare Ideen und kein konkretes Ziel. Wir reden immer von Projekten, die dann der Staat oder Europa finanzieren müssen. Wir schaffen kaum Wertschöpfung, zahlen mit unseren halbherzigen Gehältern viel zu wenig Steuern und übernehmen dementsprechend keine gesellschaftspolitische Verantwortung. Der Staat geht den Bach runter, wegen Superreichen und faulen Sozial- und Kulturarbeiter*innen wie mir. Wer kümmert sich denn um das wirklich hart arbeitende Volk?

Arbeitsmoral

Seit ich erwachsen bin, läuft diese Leier meines Vaters als Dauerschleife in meinem Ohr[2]. Der arbeitet seit ungefähr lebenslänglich im selben Betrieb und steht nun kurz vor der Rente. Mein ewiges Suchen, Neuerfinden und Weiterziehen sind ihm ein Dorn im Auge. Dieser Dorn ist nicht nur aufgrund unterschiedlich gebotener und genutzter Chancen in unseren Lebensläufen gewachsen. Er offenbart ebenfalls eine Moral, in der Arbeit um ihrer selbst willen einen unhinterfragbaren Wert besitzt. Und dabei ist es ganz egal, ob die Firma die eigene Arbeitskraft trotz ambitioniertem, gewerkschaftlichem Engagement jahrzehntelang ausnutzt. Es ist egal, dass man keine Zeit und Muße hat, sich darüber Gedanken zu machen, was man sich persönlich Gutes tun oder gönnen würde. Was der persönliche Sinn hinter all dieser verarbeiteten Lebenszeit ist. Hauptsache, man hat am Ende ganz viel gespart, die Familie durchgebracht und Steuern gezahlt.

Letzten Herbst habe ich meinen Vater kurzerhand auf eine Postwachstumskonferenz in Görlitz mitgenommen. Davon schwärmt er heute noch. Wir sind uns dort auf einer ganz neuen Ebene begegnet. Mir wurde bewusst, dass er die grundsätzliche Kritik am System ganz klar teilt. Die aufgezeigten, alternativen Wege jedoch – wie bspw. ein Lieferkettengesetz oder die Gemeinwohl-Ökonomie – hält er für absolut abwegig. Das lässt sich seiner Meinung nach ganz einfach nicht umsetzen. Zu hoher Aufwand, zu ungewisser Output. Ich stelle mir nun die Männer in den Strukturwandel-Gremien vor, die ungefähr dem Alter, der Lebenserfahrung und der grundsätzlichen „Ist-einfach-so!“-Einstellung meines Vaters entsprechen. Sie entscheiden über Wege und Mittel und ich höre ihr Echo jetzt schon in meinen Ohren: „Das ist zu abwegig. Das birgt ungewisses Wachstumspotenzial! Das schafft keine Arbeitsplätze! Das fällt jetzt erstmal unter Wohlfahrt oder ehrenamtliche Daseinsvorsorge!“

Bis irgendein Efeu in diesen Diskurs hereingewachsen ist, ist es vielleicht schon zu spät. Und von den Auswirkungen sind nicht nur wir jungen Menschen betroffen. Sondern z. B. jeder zehnte Erwerbstätige[3], der allein jetzt schon im Landkreis Görlitz, in der Pflege tätig ist. Er[4] wird unter der wachsenden Last im Strukturwandel mit noch größeren Rückenschmerzen und beschisseneren Arbeitsbedingungen konfrontiert sein. Die vielen alten Menschen werden keinen Pflegeplatz bzw. keinen pflegenden Angehörigen mehr finden und zu Hause vereinsamen. Dafür haben wir dann ′ne geile Verwaltungsbehörde, irgendwas mit Wasserstoff und ganz viele Ingenieur*innen wie meinen Vater. Doch auch da wird es einen gehörigen Unterschied geben. Denn im Gegensatz zu ihm, werden es sich die neuen Ingenieur*innen dreimal überlegen (und auch dreimal schneller wieder verschwinden), wenn der Arbeitsplatz und die Umgebung ihren Ansprüchen an eine angemessene Lebensqualität widersprechen.   

Wir stechen in See!

Meine Lebensqualität, mein Nest und meinen Hafen habe ich nun im ahoj gefunden. Wenn ich morgens auf den Schalter drücke und sich die Rollläden langsam nach oben wabern, dann erwacht ein Raum aus dem Schlaf, der meinen schrecklichen, jungen Ansprüchen an einen sinnerfüllenden Arbeitsplatz genau entspricht. Hier kommen Menschen zusammen, die an ihren Gründungsideen basteln. Ideen, die nicht in erster Linie das größte Wachstum und sprudelnde Steuereinnahmen versprechen. Aber die einen Mehrwert für das Gemeinwohl besitzen. Hier nehmen sich Menschen die Zeit, die sie brauchen, sie zweifeln, probieren aus, tüfteln ohne Druck. Ich gucke dabei zu, moderiere und trage es in die Öffentlichkeit. Meine Freund*innen aus Berlin sind dann immer ganz angetan und sagen: „Mensch, sowas gibt’s in Görlitz?“.

Wie schön wäre es, wenn sie verstehen würden, dass das alles andere als abwegig ist. Und dabei trotzdem erkennen, dass die Gründer*innen hier unter anderen Bedingungen in See stechen. Etwas weniger privilegiert und selbstverständlich, in einem anderen Tempo, als zarter Efeu an einer Mauer.

 

[1] Ich möchte vorsichtshalber erwähnen, dass ich in dieser persönlichen Definition alle Antidemokrat*innen, Querdenker*innen, Corona- u. Holocaustleugner*innen, selbsternannten Freiheitskämpfer*innen bzw. Wissenschaftler*innen kategorisch ausschließe.

[2] Wer der Sächsischen Zeitung auf facebook folgt, findet sie auch in jedem zweiten Kommentar, der sich kulturellem oder zivilgesellschaftlichem Engagement junger Menschen in der Stadt widmet.

[3] Vgl. Fuchs, Michaela. Richter, Bernd. Sujata, Uwe. & Weyh, Antje (2018): Der Pflegearbeitsmarkt in Sachsen. Aktuelle Situation und zukünftige Entwicklungen. Nürnberg

[4] Oder besser „Sie“. Rund 85 % der Beschäftigten in der Pflege sind Frauen, vgl. Freifrau von Hirschberg, Kathrin-Rika. Hinsch, Jutta. & Kähler, Björn. (2018): Altenpflege in Deutschland. Ein Datenbericht 2018. Hamburg

Lisa W...

... hat ihre Arbeit, ihren Partner und ihre Freund*innen in Berlin gelassen, um der Großstadt endgültig den Rücken zu kehren und in Görlitz "Management sozialen Wandels" zu studieren. Im Lausitzdrama in drei Akten berichtet sie über ihr Ankommen, Bleiben und Gehen. Zu finden auf Instagram unter helga_wolke

 

Anne Isensee...

... ist Animatorin und Regisseurin für Animations-Kurzfilme und Musik Videos aus Berlin. Sie studierte Animation an der Filmuniversität Babelsberg und der École nationale supérieure des arts décoratifs Paris. Seit 2020 studiert sie als Fulbright-Stipendiantin an der School of Visual Arts New York im Master Computer Arts. Ihre Kurzfilme "Megatrick", "Ich Will" und "1 Flasche Wein" werden auf Internationalen Festivals gezeigt.

https://www.anneisensee.com/ | https://vimeo.com/user41831769

 

Teil 2 - (Dran)Bleiben

„Kämpfe für die Dinge,
die dir wichtig sind,
aber tue dies auf eine Weise,
die andere dazu bringt,
sich dir anzuschließen.“
...

ATTRAKTIVE ARBEITGEBER IN DER LAUSITZ – WELCHE ROLLE SPIELEN DABEI MODERNE ARBEITSMODELLE?

Von Vivien Eichhorn

Wie sehen zeitgemäße Arbeitsformen aus, die den agilen Anforderungen unserer VUCA-Welt (volatil, unsicher, komplex, mehrdeutig) und den Ansprüchen der Generation Y nach Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben entsprechen? Ein Text von Vivien Eichhorn, Wertewandel e. V.

Laut einer auf Statista veröffentlichten Umfrage legen 48% der Befragten bei der Wahl ihres zukünftigen Arbeitgebers sehr viel Wert auf gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Familienfreundlichkeit wird damit nach dem Betriebsklima zum zweitwichtigsten Faktor der Arbeitgeberattraktivität. Hier setzt das Programm „Triple A – Arbeitgeber-Attraktivität durch flexible Arbeitsmodelle” der gemeinnützigen Organisation “Wertewandel – soziale Innovationen und demokratische Entwicklung e.V.” an. Das Projekt fördert kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) in der Lausitz, die durch den Strukturwandel und die damit einhergehenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt vor großen Herausforderungen stehen. Für die Unternehmen stellen Personalrekrutierung und -bindung die wichtigsten Zukunftsinvestitionen dar, da ihr Erfolg immer stärker von den Mitarbeitenden, deren Qualifikationen, Kompetenzen und ihrer Innovationsfähigkeit abhängig sein wird.

“Auch wir als Projektträger in der Lausitz stellen uns die Frage: Wie attraktiv sind wir als Arbeitgeber?”, sagt Corry Kröner vom Wertewandel e. V.“ Als wir uns vor etwa vier Jahren über unsere Vorzüge als Arbeitgeber Gedanken machten, war schnell klar: zum einen sind es die innovativen Themenfelder, in denen wir arbeiten, zum anderen bieten wir unseren Mitarbeiter*innen die Möglichkeit, flexibel zu arbeiten. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen wir durch flexible Arbeitszeitmodelle und mobiles Arbeiten. Zudem beobachten wir, dass sich vorrangig hochqualifizierte Frauen auf unsere Stellenausschreibungen bewerben. Sie wollen an relevanten Zukunftsthemen mitarbeiten und das mit ihrem Privatleben vereinbaren können. Hinzu kommt, wir haben uns bewusst für Agilität und Selbststeuerung von Mitarbeiter*innen und Teams entschieden.

Bild 1 CorryVivien 768x754

Als Organisation reagieren wir damit einerseits auf die hochdynamische und volatile Arbeitswelt. Andererseits bedeutet es, das agile Mindset in unserer Organisation zu fördern und zu leben. Ziel ist es, autonomes und selbstbestimmtes Arbeiten als zentralen Wert ins Unternehmen zu tragen. Dies trifft den Zeitgeist und damit lässt sich erklären, warum wir trotz der schwierigen Rahmenbedingungen ein attraktiver Arbeitgeber für die Generation Y und für Frauen sind. Wir sind stolz, Unternehmen in der Lausitz weiterzuentwickeln und sie dabei zu unterstützen, sich zukunftsorientiert aufzustellen.” Im Rahmen des ESF Bundesprogramms „Fachkräfte sichern und Gleichstellung fördern“ begleitet Wertewandel e. V. schon seit mehreren Jahren KMU in der Lausitz, die sich zum Ziel gesetzt haben, ein gleichstellungsorientiertes Personalmanagement einzuführen, den Anteil von Frauen zu erhöhen und Voraussetzungen für bessere Aufstiegsmöglichkeiten von Frauen zu schaffen. “Durch Einführung einer auf die Lebensphasen der Beschäftigten abgestimmten Personalpolitik, die sowohl die Bedarfe der Unternehmen als auch der Beschäftigten berücksichtigt, werden Frauen und Männern während und nach der Familien- und Elternzeit persönliche und berufliche Entwicklungen ermöglicht”, erklärt Corry Kröner.  Im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter*innen müssen Unternehmen der Lausitz heute ihre Wettbewerbsvorteile kennen und die Attraktivitätsmerkmale transparent nach außen tragen.

Ein positives Beispiel für heute erforderliche Veränderungsprozesse ist die Little John Bikes GmbH aus Dresden, eines der teilnehmenden Unternehmen im “Triple A – Projekt“. Das Traditionsunternehmen ist im Bereich des Fahrradeinzelhandels tätig und beschäftigt heute 246 Mitarbeiter*innen in bundesweit über 30 Filialen, darunter mehrere Filialen in der Lausitz. Ivonne John ist Unternehmerfrau und arbeitet von Beginn an im Familienbetrieb mit. Begonnen hat sie in der Buchhaltung, später wechselte sie in den Einkauf.

Ivonne John & Steffen John – Little John Bikes GmbH

Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, brachte sie manchmal auch an ihre Grenzen. Anfangs arbeitete Sie in Vollzeit und absolvierte “nebenbei” noch eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten. 2004 wurde sie zum ersten Mal Mutter und blieb ein Jahr zu Hause. Anschließend stieg sie in Teilzeit wieder in den Familienbetrieb ein. Die Firma expandierte weiter. 2011 kam dann ihr zweites Kind. Ursprünglich wollte Ivonne John vorübergehend ganz aus dem Unternehmen ausscheiden, aber in Zusammenarbeit mit dem Einkaufsleiter entwickelte sie ein für sich und das Unternehmen passendes Teilzeitmodell. Sie wechselte den Bereich, reduzierte bewusst ihre Stundenzahl auf 20 Stunden und arbeitet öfter mobil, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben. Damit konnte sie ihre familiären mit den beruflichen Bedürfnissen verbinden und dem Unternehmen bleibt eine erfahrene Mitarbeiterin erhalten. “Prinzipiell ist unsere Branche männerdominiert”, berichtet Ivonne John. “In unserer Verwaltung ist das Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Mitarbeitenden ausgeglichen. Im Bereich Verkauf und Werkstatt leider nicht. Da besteht noch sehr viel Potenzial. Wir als Unternehmen sind der Überzeugung, dass Frauen inhaltlich andere Ansätze und Denkweisen mitbringen und deshalb stets daran interessiert, diese auch zu fördern. Ein aktuelles Beispiel ist die Einstellung unserer ersten FilialleiterIn in Güstrow. Wir wollen Frauen die Möglichkeit bieten, wieder in die Erwerbstätigkeit zu treten.” Ein gutes Beispiel und ein wichtiges Handlungsfeld für eine Politik der Chancengleichheit im Unternehmen.

Little John Bikes GmbH

Wertewandel e. V. begleitet ein anderes Unternehmen derzeit im Rahmen des Projekts „Triple A“ den Aufbau und die Gründung eines unternehmensinternen Frauennetzwerkes. Es soll Frauen auf dem Weg zu Führungspositionen Mut machen und ihnen Erfahrungsaustausch und Unterstützung bieten, denn noch gibt es viele Aspekte, die es zu verbessern gilt. So beispielsweise das Aufbrechen von Stereotypen. Noch immer wird in Unternehmen häufig in traditionellen Geschlechterrollen gedacht. Stereotype sind oft noch tief im Berufsalltag eingegraben. Für eine Veränderung werden Rollenvorbilder benötigt. Das können Männer sein, die Elternzeit in Anspruch nehmen oder Frauen, die Führungspositionen in männerdominierten Branchen übernehmen. Die aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung „Wer gewinnt? Wer verliert?“ zeigt, dass gerade Mütter in Bezug auf Chancen und Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt das Nachsehen haben. Bei ihnen führen Kinder immer noch zu einer deutlichen Minderung des Lebenserwerbseinkommens, wogegen sich das bei Vätern nur gering auswirkt. Weder Frauen noch Männer sollen sich zwischen Beruf und Privatleben entscheiden müssen. Ziel der Arbeitgeber muss es sein, die Bedürfnisse von Mitarbeitenden in ihren Lebensphasen zu erkennen und entsprechende Angebote zu entwickeln. Jedes Unternehmen sollte sich daher mit lebensphasenorientierter Personalpolitik auseinandersetzen.

Workshop: Steigerung der Arbeitgeberattraktivität – Projekt „Triple A“

Als Projektinitiator und -träger von „Triple A“ ist Wertewandel e. V. stark daran interessiert, KMU aus der Lausitz in den Fokus zu stellen, Frauen aus diesen Unternehmen zu begleiten und sie in ihren Kompetenzen zu fördern. Ab Januar 2021 startet der zweite Durchgang in diesem Projekt, an dem auch Unternehmen teilnehmen werden, die bereits teilweise frauengeführt sind.

 Wir bedanken uns bei Ivonne John von Little John Bikes und bei Corry Kröner vom Wertewandel e. V. für das Gespräch.

Vivien Eichhorn…

… arbeitet seit 2016 als Projektmanagerin bei Wertewandel e. V., u .a. für das Bundesprogramm BIWAQ (Bildung, Wirtschaft und Arbeit im Quartier) im Handlungsfeld „Stärkung der lokalen Ökonomie“. In Zusammenarbeit mit der BTU Cottbus-Senftenberg aus dem Fachgebiet Stadtmanagement führte sie Primärforschung zum Kaufverhalten in Weißwasser durch, organisierte Prozessberatungen in KMU und Vernetzungsveranstaltungen.

Wertewandel – Soziale Innovation und demokratische Entwicklung e. V….

… realisiert Projekte in den Bereichen Stadt- und Regionalentwicklung, Fachkräftesicherung und Bildung/Qualifizierung, Innovationsförderung und Stärkung der Zivilgesellschaft.

Weitere Informationen zum Projektträger finden Sie unter: www.wertewandel-verein.de

 
 

Von Vivien Eichhorn

Wie sehen zeitgemäße Arbeitsformen aus, die den agilen Anforderungen unserer VUCA-Welt (volatil, unsicher, komplex, mehrdeutig) und den Ansprüchen der

...

BACK TO THE LAUSITZ

Wie war es für Euch, in die Lausitz zurück zu kommen?

Was gefällt Euch hier gut?

Und was ist so richtig blöd?

Was würdet ihr gern ändern?

Sabine Euler schildert uns in ihrer Karikatur, wie es sich manchmal anfühlen kann, als junge, gut ausgebildete Frau in die Oberlausitz zurückzukehren.

Was ist Eure Meinung?

Schreibt uns an redaktion@fwiekraft.de oder auf Facebook an https://www.facebook.com/FwieKraft/

Wie war es für Euch, in die Lausitz zurück zu kommen?

Was gefällt Euch hier gut?

Und was ist so richtig blöd?

Was würdet ihr gern ändern?

Sabine Euler schildert uns in ihrer Karikatur, wie es sich manchmal

...

Das F in Frau steht für Kraft

Ich schaue in dein Gesicht und versinke in den müden Augen, die von winzig kleinen Falten umrahmt werden.
Dort sammeln sich die verwaschenen Reste der Wimperntusche am Ende eines langen Tages, immer dann, wenn das Laptop-Licht noch strahlt und das Bett mit jedem Uhrzeigerschlag in eine noch weitere Ferne rückt.
Zwischen Emails und Anträgen, Aufräumen und Waschbergen, irgendwo zwischen Weiblichkeit und Superheldinnen-Dasein schmiegt sie sich an einen; Die Stille der Nacht und mit ihr kommen auch immer die gleichen Selbstzweifel.
Es ist schon wieder viel zu spät, dein Tag scheint nie mit genügend Stunden bestückt, es gibt kaum etwas auf dieser Welt, was dich erschöpfen könnte, kaum zu glauben, dass es am Ende wieder nur der Schlafmangel ist, der die Motivation besiegt.
Und motivierter könntest du eigentlich gar nicht sein; Dein Herzblut pocht wie Feuer in den Venen.
Da ist ein Traum, eine Vision und für die würde frau auch noch viel mehr als nur den Schlaf hergeben, für Ziele, die vielen Menschen sinnlos erscheinen, zumindest erwähnen sie dies bei jeder Gelegenheit und schon wieder nisten sich die Zweifel ein.
Aber nein!
Ich habe schon genügend eigene Stimmen im Kopf die mir jede Menge Unsinn erzählen wollen, die mich klein halten und das Echo einer fatalen Erziehung sind, das mich als Frau stets in Frage stellte.
Das mich selbst in Frage stellen ließ; Meine Fähigkeiten und Körperlichkeit, also nein, ich brauche weder deine Zweifel, noch die Demotivation, glaube es oder nicht, aber ich schaffe das schon, von mir aus auch allein!
Und ist es nicht bitter, das Frauen scheinbar immer einen einsamen Kampf führen müssen?
Nicht nur gegen das Flüstern in den eigenen Gedankengängen, sondern auch gegen die Lacher, die Häme und die Zeigefinger, die sich gegen einen richten.
Es sind nicht unsere Pläne, die uns fordern, nicht die Kinder, nicht die Waschberge, auch nicht die Emails oder Aufträge!
Es ist das stetige “Sich beweisen müssen”, aber was soll ich denn noch für Beweise erbringen, die darlegen, dass ich eine immense Kraft in mir trage, die sich nicht einfach auflöst, nur weil ich ein Paar Eierstöcke habe.
Wer weiß, vielleicht sind es grade die sanften Hügel der “Pampa”, die uns in die Regionen locken, weil sie uns an die eigenen Rundungen erinnern, während sich in den Städten eher Hochhäuser wie Phallusse in den Himmel strecken.
Zwischen Kanten und Ecken fehlt es an Horizonten und Weitsicht, die es aber braucht für Visionen und Gleichgewicht.
Ich kann keine frische Brise der Veränderung sein in einer Welt geschaffen von Männerhand, eine Welt in der man sich vor lauter Ellenbogen kaum bewegen kann.
Aber für große Ziele braucht es eben Platz, Raum zum Atmen und deswegen sind wir hier, weil wir in der Lage sind Potential dort zu sehen, wo es andere nicht erwarten."
Und Dinge zu erwarten, die nicht da sind, damit kennen wir uns bestens aus:
So zu tun als wäre man keine Frau, so zu sprechen, als habe man keine sanfte Stimme, lieber einmal nicht widersprechen, um nicht schon wieder als bossy gelten zu müssen.
Die sexistischen Witze werden still geschluckt, statt Blusen tragen wir eh viel lieber Nonnenkutten."
Wie verantwortungslos ist es denn auch, mit einem Frauenkörper durch die Straßen zu schreiten, das schreit ja förmlich nach Provokation, und natürlich sind wir lieber Hausfrauen und arbeiten auch gerne für weniger Lohn.
Warum Chef sein wollen, wenn man Sekretärin sein kann, ey natürlich kann ich Kaffee kochen, nur dafür habe ich nen Master gemacht!
Und immer lächeln, immer brav lächeln, dann sieht das Gesicht auch gleich viel hübscher aus.
Die Mundwinkel einfach oben ankleben, damit frau nicht mehr traurig dreinschauen braucht.
“Püppie, wie schnuckelig du doch bist, komm schon, du willst es doch auch, bei dem tollen Rock, den du trägst!”
Ich schaue in dein Gesicht und versinke in den müden Augen, die wacher nicht sein könnten.
Irgendetwas regt sich da in dir, irgendwas will das alles nicht länger akzeptieren.
Viel zu lang hast du dich genau so verhalten, wie man es von dir verlangte, weil Erfolg eine Art Vertrag mit dem Teufel war und Wahrnehmung ein Wunschtraum.
Dabei sind es grade wir, die Frauen, die man im ländlichen Raum ganz dringend braucht.
Zwischen Landstraßen und Provinzromantik, auf Feldwegen und in leerstehenden Ruinen spiegeln sich Optionen, die du für dich erkannt hast und ergreifen konntest, weil du sie dir einfach nicht länger wegnehmen lassen wolltest.
Das ist schon mal Ansage der Stadt den Rücken zuzukehren, oder die alte Heimat trotz aller Widerstände neu zu beleben;
Mir Konzepten und Ideen, die man durchsetzen muss, für die man sich engagiert und das erfordert jede Menge Mut.
So viel Mut!
Und so sind die winzig kleinen Falten in Wahrheit ein Ode an das Wachbleiben, wenn frau eigentlich schlafen will und die verwaschenen Reste der Wimperntusche eine Kriegsbemalung, die für das Weitermachen auch am Ende eines langen Tages steht.
Wir sind der Wandel, der vor lauter Herzblut wortwörtlich überkocht und das Feuer pocht in den Venen, wie der Uhrzeigerschlag, der den Umschwung immer näher bringt.
Ich wünsche mir so sehr, dass du dich gesehen fühlst und nicht unterm Radar verschwindest, dass du eines Tages in einem Meer aus Wertschätzung schwimmst für alles was du leistest.
Irgendwo zwischen Weiblichkeit und Superheldinnen-Dasein schmiegt sie sich aber trotzdem immer wieder an einen;
Die Angst davor als Frau nie zu auszureichen und genau das macht uns müde;
Die Frustration - nicht unsere Arbeit!
Deswegen müssen wir uns immer wieder vor Augen führen, wie viele wir doch sind, ob in Städten oder in ländlichen Gebieten, wo wir geschlechter-gerechte Wege neu-vernetzen müssen und dazu brauchen wir auch euch, liebe Männer."
Feminismus ist keine Einbahnstraße und ja, es mag bedrohlich wirken, wenn verwelkte Strukturen auf einmal aufbrechen und Frauen jetzt selbstständig zu Unternehmerinnen mutieren.
Aber wir wollen die Welt nicht besiedeln, wir sind schon längst da und ratet mal, das war wir schon immer.
Wir wollen euch nicht von der Bildfläche verschwinden lassen, wir wollen einfach nur gesehen werden, nicht als Püppie, nicht als Kumpeltyp, sonder als die andere Hälfte der Bevölkerung.
- gleichwertig eben!
Ich will dass man mich ernst nimmt für das was ich bewegen möchte und für all die Dinge, die ich bin.
Ich will keine Zweifel mehr hören müssen, nicht von den Stimmen in meinem Kopf und erst recht nicht von allen Stimmen da draußen, die dem Erfolg einer Frau nicht trauen.
Ich blicke in dein Gesicht, sobald ich selbst in den Spiegel schaue.
Ich sehe die selben Zweifel und die gleichen müden Augen.
Und weil ich sie so gut kenne, hör’ ich nie auf an dich zu glauben, denn ich sehe dich in allem was du tagtäglich schaffst.
Für mich bist du das F in Frau,
und das F steht für Kraft!

"Das F in Frau steht für Kraft" ist hier als Video zu sehen. Der Text entstand im Rahmen des F wie Kraft - Symposiums am 6. November 2020.

Jessy James LaFleur...

... a nomad with conviction, Spoken Word artist, rapper, activist, workshop host and entrepreneur who’s taken a million and one paths around the world over the last 18 years.

https://jessyjameslafleur.com/

 

Ich schaue in dein Gesicht und versinke in den müden Augen, die von winzig kleinen Falten umrahmt werden.
Dort sammeln sich die verwaschenen Reste der Wimperntusche am Ende eines langen Tages, immer dann, wenn das Laptop-Licht noch strahlt

...

DER LADEN LÄUFT – DANK(E) FRAUEN!

Bestehende Ungleichheiten zwischen Geschlechtern werden während der Corona-Pandemie in einem besonderen Ausmaß sichtbar. Es sind mehrheitlich Frauen, die seit Wochen dafür sorgen, dass
„der Laden läuft“.

Nach Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, beträgt der Frauenanteil in sogenannten „systemrelevanten“ Berufsgruppen knapp 75 Prozent.

Der Laden läuft“, da sich Ärztinnen, Alten- und Krankenpflegerinnen im direkten Kontakt zu Mitmenschen einer einem erhöhten Übertragungsrisiko aussetzen. Verkäuferinnen und andere
Dienstleisterinnen haben trotz hohen Kundenkontakts oft nur behelfsmäßige Schutzausrüstungen im Betrieb. Lehrerinnen entwickeln im Eiltempo Methoden des digitalen Lernens, um das Recht auf
Bildung durchzusetzen und versuchen dabei unterschiedlichen sozialen und finanziellen Möglichkeiten von Familien gerecht zu werden. Sozialarbeiterinnen sorgen dafür, dass das Wohl von Kindern, die in
schwierigen familiären Verhältnissen leben, nicht aus dem Blick gerät.

Der Laden läuft“ und dabei stehen diese und andere Frauen, oft zusätzlich selbst als Mütter vor schwerwiegenden Herausforderungen, indem sie vor und nach der Arbeit oder parallel zum
Homeoffice die Beschulung und Betreuung der eigenen Kinder sicherstellen und Alternativen zur Freizeitgestaltung aus dem Boden stampfen. Andere Frauen kompensieren personelle und materielle
Engpässe des Gesundheits- und Pflegesystems, indem sie Pflegebedürftige oder Angehörige mit Behinderungen zunehmend selbst versorgen. Viele nähen ehrenamtlich Behelfsmasken, führen
seelsorgerische Gespräche am Telefon, um insbesondere alleinstehende Menschen vor sozialer Isolation zu bewahren. Sie übernehmen Einkäufe für Eltern, Großeltern und Menschen in der
Nachbarschaft. Neben der Lohnarbeit wird die stark angestiegene Sorgearbeit zur unausgesprochenen Selbstverständlichkeit.

Der Laden läuft“ und dabei verbindet diese Frauen, nicht nur die komplexe Leistung, die sie in diesen Tagen erbringen, sondern auch die meist schlechtere Bezahlung in sog. „Frauenberufen“. Außerdem
sind sie überdurchschnittlich oft in Teilzeit oder Minijobs beschäftigt. So bergen infolge von Unternehmens- und Geschäftsschließungen oder Betriebsbeeinträchtigungen entstandene
Einkommensverluste insbesondere für Frauen ein erhöhtes Armutsrisiko.

Der Laden läuft“, obwohl die Beschränkung von sozialen Kontakten, der starke Rückzug in das Häusliche, beengte Wohn- und Familienverhältnisse, Zukunftssorgen und der erschwerte Zugang zu
professionellen Hilfsangeboten familiäre Konflikte zuspitzen und häusliche Gewalt verstärken können. Dass das bestehende Hilfs- und Schutzangebot zur Zeit der Coronakrise im Landkreis Bautzen
funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Ergebnis einer langjährigen und ausdauernden Gleichstellungsarbeit vor Ort, die häusliche Gewalt nicht mehr als Privatsache erscheinen lässt.

Wir setzen uns weiter dafür ein, dass der Schutz für alle von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen, Männer und Kinder durch die Umsetzung der „Istanbul-Konvention“, welche bereits am 01. Februar
2018 in Deutschland in Kraft trat, zügig ausgebaut und mit den notwendigen personellen und materiellen Ressourcen ausgestattet wird.

Wir möchten alle ermutigen, das Gespräch darüber wie Vereinbarkeit von Beruf – Familie – Engagement für Frauen und Männer gleichermaßen gelingen kann, gerade jetzt zu suchen. Dabei
können und sollen Ideen nicht nur für den Umgang mit der aktuellen Lage entwickelt und ausprobiert, sondern neue Möglichkeiten gerade auch für die Zeit nach der Krise zur Verfügung stehen und
intensiviert werden. Hierfür braucht es viele, v. a. auch offene und unvoreingenommene Gespräche in der Familie, im Freundeskreis, im Beruflichen und auch im Politischen.

Wir fordern, dass Frauen, die zum großen Teil das gesamtgesellschaftliche Rückgrat der gegenwärtigen Krise bilden, wahre Anerkennung und Wertschätzung für ihre täglich erbrachten Leistungen und eine
angemessene Entlohnung erhalten. Debatten zur Coronakrise sowie langfristige Maßnahmen zu deren Bewältigung müssen politisch, ökonomisch und gesellschaftlich bundesweit wie kommunal unter
frauen- und gleichstellungspolitischen Aspekten geführt werden. Dafür braucht es eine nachhaltige und langfristig gesicherte Frauen- und Gleichstellungsarbeit.

Wir setzen uns seit 30 Jahren gemeinsam mit aktiven Menschen in der Stadt und dem Landkreis Bautzen für eine geschlechtergerechte, sozialverantwortliche, demokratische und gewaltfreie Gesellschaft ein.

Danke Frauen!

 

Die Stellungnahme wurde verfasst von: Intervention gegen Häusliche GewaltFraueninitiative BautzenFrauenschutzhaus Bautzen e.V. und den Gleichstellungsbeauftragten der Stadt und des Landkreises Bautzen

Unterstützerinnen der Stellungnahme sind: Landesfrauenrat Sachsen e.V.DGB OstsachsenLAG der Frauenhäuser und Interventionsstellen Sachsen, LAG der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten SachsenDGB FrauenSächsicher Landesfrauenverband e.V. – Ortsgruppe Bautzener Land und das Frauen.Wahl.LOKAL Oberlausitz

Kontakte:

Gleichstellungsbeauftragte Landkreis Batuten

Ina Körner

gleichstellung@lra-bautzen.de

Telefon 03591 5251-87600

Gleichstellungsbeauftrage Stadt Bautzen

Andrea Spee-Keller

andrea.spee-keller@bautzen.de

Telefon 03591 534-290

Bestehende Ungleichheiten zwischen Geschlechtern werden während der Corona-Pandemie in einem besonderen Ausmaß sichtbar. Es sind mehrheitlich Frauen, die seit Wochen dafür sorgen, dass
„der Laden läuft“.

...

DRÜCK‘ SELBST DEN KNOPF IM FAHRSTUHL!

Weißt du, warum ich nie in meinem Leben angestellt war? Warum ich übergangslos von meinem Studium in die Selbstständigkeit gegangen bin? Weil ich schon immer, schon als Baby, mein eigenes Business haben wollte und als Kind bereits BWL-Bücher verschlungen habe!

Das ist natürlich Quatsch. Ganz ehrlich: Es war aus Versehen. Ich stand mal wieder in einem Fahrstuhl und hatte vergessen, den Knopf zu drücken. So kam ich diesmal im Keller bei der Putzfrau raus.

Warum du definitiv einen Knopf im Fahrstuhl drücken solltest

Mein damaliger Mann und ich hatten in einem Anfall geistiger Umnachtung beschlossen, ein Haus in der südbrandenburgischen Provinz zu kaufen. Das war zwar günstig und das Haus war schön alt, aber fast eine Lebensaufgabe, es zu sanieren. Damals, das war 2002. Meine Kinder waren 2 und 4 Jahre alt. Und ich wollte, dass sie groß werden, mit nackten Füßen über taufrisches Gras laufen, mit dem Fahrrad zum Kumpel um die Ecke fahren, ein Baumhaus im Apfelbaum bauen und mit den Freunden Nächte im eigenen Garten durchfeiern, wenn die Eltern nicht da sind. Und Oma und Tante in der Nähe.

Berlin, das war eigentlich meine Welt. Aufgewachsen bin ich genau in jenem Ort, an den ich dann 13 Jahre später wieder zurückgezogen bin. In Lauchhammer. Nach der Wende war ich in Stuttgart, Dresden und Berlin. Und ich hatte vergessen, wie Provinz ist. Schön naturbelassen. Aber eben auch provinziell.

2002 gab es keine Jobs. Zehn Jahre zuvor waren Hunderttausende arbeitslos geworden. Strukturwandel, Teil 1. Marode und umweltschädliche Braunkohleverstromung oder -brikettierung brauchte man nicht mehr.

Wohin mit den vielen gering qualifizierten Arbeitskräften? Straße. Arbeitsamt. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Da ging damals echt die Party ab.

Nun war ich auf einmal Teil der Party. Ich war Mutter von zwei kleinen Kindern, hatte zwei Diplome in der Tasche und hatte so richtig Bock, die Arbeitswelt mit meinem Enthusiasmus, meinen Ideen und meinem profunden Fachwissen aus BWL und Ingenieurwissenschaften zu bereichern. Studiert hatte ich neun Jahre, BWL an der TU Dresden und nach dem Abschluss, mit 23, fühlte ich mich zu jung für einen Nine-to-five-Job. Und ich wollte nach dem trockenen BWL-Zeugs mal was richtig Schönes studieren. Daher entschied ich mich für Landschaftsarchitektur. Hach! Während dieses Studiums bekam ich meine beiden Kinder und schloss das Studium 2002 mit Diplom ab.

Allerdings legte die Arbeitswelt in Form von bezahlten Jobs keinen Wert auf mich und mein tolles Fachwissen. Ich bekam nur Absagen.

Nun sei doch vernünftig – bleib doch zuhause

Daher dachte ich, es wäre schlau, zum Arbeitsamt zu gehen. Ich studierte ja gerne, vielleicht wäre eine Fortbildung drin. Zettel ziehen, Arbeitsamt-Atmosphäre genießen, warten. Drin starrte mich die Mitarbeiterin entgeistert an. Sie blätterte durch meine Unterlagen und sagte: “Weiterbildung? Können Sie vergessen. Sie sind doch jetzt schon überqualifiziert.” Ich wagte zu fragen: “Und ein Englischkurs?” Sie lehnte sich vornüber, beugte sich zu mir und legte ihre Hand auf meinen Unterarm. “Mädel. Nun sei doch vernünftig. Die Arbeitslosenquote hier liegt bei fast 40 %. Da werden die Firmen nicht gerade auf dich warten. Du hast doch einen Mann, der verdient ganz gut. Bleib zu Hause und kümmere dich um deine Kinder.” Abrupt machte ich mich groß und stand auf. “Mich von meinem Mann versorgen lassen? Kommt nicht in Frage!” Was war das denn für ein Vorschlag? Ich kam nicht drüber weg. Danach hatte ich noch weitere behördliche Mitarbeiter zu überwinden, um arbeitssuchend ohne Leistungsbezug zu werden – und ich schwankte mit letzter Kraft zur Tür hinaus.

An jenem Tag, im April 2003 beschloss ich: „Da gehst du nie wieder hin. Nie wieder!!!“ Höchstens in die Nachbartür. Da stand Arbeitgeberservice dran. Die Jungs hier werden mich als Arbeitgeber noch schätzen! Ich wusste nicht wie. Ehrlich gesagt, ich hatte keine Ahnung, was es heißt, selbstständig zu sein.

Aber ich ging los. Aus Trotz. Und mit einem Bild vor Augen. Arbeitgeberin zu werden. Selber Arbeitsplätze zu schaffen.

Das Einizige, was ich wirklich konnte, war schreiben

Während ich so aus dem Arbeitsamt raus spazierte und gedankenverloren weiterging, stand ich auf einmal vor einem Gebäude. Da stand in blauen Buchstaben: „Lausitzer Rundschau“. Ich überlegte. Das Einzige, was ich wirklich konnte, war schreiben. Ich beschloss, Journalistin zu sein.

In einem weiteren Anfall von Verzweiflung und Übermut, wählte ich die Nummer des Redaktionschefs der Zeitung. Die Sekretärin war eine Seele von Mensch und stellte mich durch. Ich sagte forsch: „Guten Tag, ich kann gut schreiben. Was muss ich tun, um für Sie arbeiten zu können?“ Gegenfrage: „Was können Sie denn bieten? Haben Sie einen Text für uns…?“ Äh… Blitzschnell fiel mir ein, dass es bestimmt interessant wäre, wenn es mir gelänge, einen sehr publikumsscheuen Unternehmer am Ort zu interviewen. Und sprach: „Ich kenne Herrn M., Geschäftsführer von XY ganz gut. Wie wäre es mit einem Vorstellungstext?“ Stille. Und dann: „Oh. Wenn Sie den kennen …?  Na, dann los!“ Das Interesse am anderen Ende konnte ich förmlich spüren. Wir einigten uns darauf, dass ich bis Freitag diesen Text an die Redaktion senden sollte. Ich legte auf. Und ich wusste, dass es an eine Unmöglichkeit grenzte, einen Mann, der als extrem pressescheu galt, bis zum drauf folgenden Tag zu interviewen. Einen Termin zu bekommen, einen Text zu verfassen als Neuling – und dann noch beim Chefredakteur durchzukommen.

Was ziehen Journalisten überhaupt an?

Aber es nutzte ja nix. Ich hatte ja nun mal zugesagt. Also drehte ich das Telefon in meinen Händen. Mehrfach. Dann fasste ich mir ein Herz und rief die Sekretärin von besagtem Unternehmer an. „Es geht um Leben und Tod. Ich brauche heute Nachmittag einen Termin mit Herrn M.“. „Okeeeee. Moment!“ Ich bekam den Termin. Schnell ins Bad, ordentliche Sachen anziehen. Oh, was ziehen Journalisten eigentlich an? Und was zu Schreiben mitnehmen. Da kann ich wohl nicht mit meinem ausgenudelten Schreibblock vom Studium hin wackeln… Also ein altes Buch rausgekramt, die ersten Seiten rausgerissen, in denen mein Sohn gemalt hatte. Und los.

Der Unternehmer übrigens, er war einer von der Sorte, die, egal auf welche Frage mit Ja oder Nein und langem Schweigen antworten, nahm sich tatsächlich eine halbe Stunde Zeit. Ich schmierte ihm auf die Stulle, dass sein Porträt dem Ober-Ober-Ober-Chef der Rundschau persönlich sehr am Herzen läge.

Entweder, ich konnte gut überzeugen, oder der Mann hat aus Mitleid mitgespielt. Das weiß ich bis heute nicht. Nun, nach einem mehr als anstrengenden Gespräch – eher ein Monolog von meiner Seite, hatte ich die erforderlichen Informationen zusammen. Fuhr nach Hause und begann zu schreiben, als meine beiden Kinder im Bett waren. Ich schrieb, und schrieb und schrieb. Und weit nach Mitternacht war ich fertig. Ließ den Text „reifen“ und sandte ihn am folgenden Tag an den Chefredakteur.

Kurz nachdem ich auf den Sendebutton gedrückt hatte, klingelte mein Telefon. „Wo haben Sie das gelernt?“ „Ich, äh…“ Kurz, wir einigten uns auf drei Wochen unbezahltes Praktikum und danach war ich drin. Freie Journalistin für einen Hungerlohn. Auf monatliche Rechnung, die geringer war als Hartz IV. Aber drin im System.

Nach einigen Wochen kam Routine. So viele spannende Menschen! Ich lernte, zuzuhören. Zu fragen. Ganz aufmerksam zu sein. Und ich stellte fest: Jede*r hat eine Geschichte. Voll Tragik, voll Glück, voll Liebe und voll Schmerz. Das Leben. Das hat mich nicht losgelassen. Ich liebe es, Geschichten zu hören, zu erleben und zu sehen, wie Menschen wachsen.

Nach einigen Monaten fragte mich einer der Menschen, die ich kennen lernte, ob ich auch den Text seiner Website schreiben könnte. Ich konnte. Und merkte schnell, dass diese Seite des Schreibtisches besser bezahlt wurde. So wechselte ich auf die PR-Seite. Auch hier: Es geht immer um die Menschen, die etwas zu sagen haben und ihre Geschichte erzählen.

Kein Urlaub, dafür Picknick im Wohnzimmer

Irgendwann kamen dann grafische Aufträge dazu – und es wurde eine Werbeagentur aus der Selbstständigkeit. Es war viel Arbeit. Lehrgeld! Allzu oft war der Kühlschrank leer. Hmm. Mal wieder Leberwurstbrot. Meine Kids haben davon nicht so viel mitbekommen. Denn es ist eine Frage der Sichtweise. „Wollen wir heute Eier essen?“ „Hatten wir die nicht gestern schon?“ „Na klar, aber doch keine Spiegeleier.“ Ihr versteht, was ich meine. Also wenn kein Urlaub, dann aber Picknick im Wohnzimmer. Irgendwann wurde es besser und besser. Die Aufträge größer, die Beratung strategischer. Immer noch im Mittelpunkt: Menschen und ihre Geschichten, denn, komm mal nah ran an den Bildschirm: Menschen kaufen bei Menschen. Das wird immer so sein – und es ist das Geheimnis des Marketings.

Und dann:

Etwa fünf Jahre später parkte ich meinen Touran auf dem Parkplatz vor dem Arbeitsamt, das inzwischen Agentur für Arbeit hieß. Ich hatte ein ansehnliches Jackett an, leichte Absatzschuhe und meine Tasche war auch ganz hübsch. Ich ging hin zur Tür vom Arbeitgeberservice, wurde überaus freundlich und beflissen begrüßt und bekam sofort einen Termin, bei dem ich mit Handschlag von meinem Berater begrüßt wurde. Denn ich hatte zwei Jobs anzubieten. In meinem eigenen Unternehmen!

Ich hatte einen Traum. 2016 schon. Immer wieder stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn ich mein Unternehmen vom Campingplatz aus führen könnte. Ja, du liest richtig. Campingplatz. Ich liebe es, unterwegs zu sein. Mein Wunsch war, Wieduwilt Kommunikation so aufzustellen, dass wir unsere Kund*innen komplett ortsunabhängig betreuen können. Und ich in meiner Lieblingskuscheljacke in der Natur an den schönsten Orten der Welt sitze – und über Internet mit allen in Verbindung bin, während ich die Welt entdecken darf. Ich bin am kreativsten, wenn ich in der Natur bin.

Ja, was soll ich dir sagen? Ich glaubte nicht daran. Aber eine Unternehmensberaterin, die ich damals eigentlich wegen einer ganz anderen Sache gebucht hatte, die fragte mich, was ich „eigentlich“ am liebsten in fünf Jahren tun würde. Ich platzte raus: „Mein Firmenimperium vom Campingplatz aus steuern.“ Und sie sagte: „OK. Gehen wir es an.“ Sie wunderte sich nicht einmal. Ich war baff. Wenn so logische Menschen, wie Unternehmensberater, es nicht für komplett bescheuert halten, vielleicht geht es ja doch…

Und wenn du mich jetzt fragst, was ich anders machen würde?

Nur eine Sache: Ich würde früher und noch mutiger meiner Intuition vertrauen und mich auf die Weisheit des Universums verlassen. (Natürlich, nie, ohne die Dinge auch zu tun, die zu tun sind).

Foto: Jana Wieduwilt

Jana Wieduwilt

… ist Unternehmerin und Spezialistin für Strategisches Marketing, Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation. Mehr Infos auf ihrer Website

Weißt du, warum ich nie in meinem Leben angestellt war? Warum ich übergangslos von meinem Studium in die Selbstständigkeit gegangen bin? Weil ich schon immer, schon als Baby, mein eigenes Business haben wollte und

...

F wie Fragebogen

Sarah Weinberg prägt den kulturellen Januar an der Neiße als Künstlerische Leiterin der Internationalen Messiaen-Tage. Sie lebt seit 2017 in Görlitz und liebt die Stadt für ihre Farben und das Echo des Viadukts. Die diesjärhigen Messiaen-Tage finden vom 11. bis 15. Januar in Görlitz-Zgorzelec statt.

Wie heißt du?
Sarah Weinberg

Zweiter Vorname?
Passt so.

Worüber hast du zuletzt herzlich gelacht/bitterlich geweint?
Im Theater bzw. im Symphoniekonzert – wo sonst?!

Was fällt dir leichter: Ankommen oder Aufbrechen?
Kommt drauf an, wo die Sonne steht.

F wie Kraft, F wie …
Freiheit.

Wovon lebst du?
Ich lebe von der Schönheit, die uns umgibt und davon, sie den Menschen zu zeigen.

Was findet man in deiner Tasche?
Diverse lebensrettende Zauberdinge: Lippenstift, Naschies, Ohropax, einen Korkball, Besteck und eine Glasflasche.

Wie lebst du in 10 Jahren?
Voller Liebe und voll in der Natur.

Hast du einen Plan B?
Teilweise laufen mehrere Pläne parallel ab oder wechseln sich ab A, A1, A2, B, B1… ansonsten gleite ich im Flow.

Welches Buch liegt neben deinem Bett?
Ingeborg Bachmann, Gedichte.

Wo fühlst du dich am Lebendigsten?
Allein in der Mitte eines Waldsees, zwischen unterschiedlichen Instrumenten oder zu Tisch mit meinen Herzmenschen.

Wovon hast du als Letztes geträumt?
Meistens träume ich von Pierogi.

Sarah Weinberg prägt den kulturellen Januar an der Neiße als Künstlerische Leiterin der Internationalen Messiaen-Tage. Sie lebt seit 2017 in Görlitz und

...

F WIE FRAGEBOGEN

Engagierte Lausitzerinnen stellen sich bei „F wie Kraft“ vor. Dieses Mal ist es…

Wie heißt du?

Tina Hentschel

Zweiter Vorname?

Den haben mir meine Eltern scheinbar noch nicht verraten.

Was fällt dir leichter: Ankommen oder Aufbrechen?

Aufbrechen ohne Anzukommen! Ich habe einen wahnsinnigen Gestaltungsdrang in mir, unsere Heimat voranzubringen und für unsere Kinder und Enkel (Oh, klingt das alt!) für die Zukunft auf feste Beine zu stellen. Immer wieder Aufbrechen also, Neues wagen, über Grenzen gehen und denken, ohne aber Anzukommen und sich auszuruhen, bequem einzurichten oder gar stehen zu bleiben. Wir leben in einer spannenden Zeit, da braucht es unseren weiblich feinfühligen und taktvoll mutigen Blick.

Wovon lebst du?

Vor allem von der Liebe und Zuneigung mir nahe stehender Menschen und einem tiefen christlichen Glauben an das Gute im Menschen. Das ist für mich auch beruflich, u. a. bei Gericht als „Anwältin für Kinder“ eine Basis, auf der ich versuche für die Kleinsten etwas zu bewirken. Um die Probleme der Menschen zu verstehen und auch Schwächen zu akzeptieren sowie positiv in Stärken umwandeln zu können, brauche ich diese Gewissheit, an die Liebe zu glauben – in so vielen verschiedenen Ausprägungen.

F wie Frau, L wie …?

Leidenschaft – als Ehefrau, Freundin, Geliebte, Weltentdeckerin, Familienmanagerin, Mutter mit großem Herz und starken Nerven, Berufstätige, Vordenkerin.

Was findet man in deiner Tasche?

Pssssst, großes Frauengeheimnis! Wir können doch der Männerwelt nicht die Tiefen unserer (Taschen)-Seele offenbaren. Aber so viel will verraten sein: fast alles, was Frau, Berufstätige und Mutter braucht.

Wie lebst du in zehn Jahren?

Da habe ich hoffentlich noch genauso viel Leidenschaft, Dinge anzupacken und den Mut, unbequem ehrlich und direkt zu sein. Mit der heute großen Hoffnung, dass unsere Kinder dann meinen, wir haben zumindest einiges in ihrem Leben richtig gemacht und auf einen guten Weg gebracht. Mit diesem Anspruch an mich selbst stehe ich jeden Morgen auf und meistere jeden sonnigen oder noch so wolkigen Tag.

Hast du einen Plan B?

Davonlaufen? Eingraben? Auswandern? Nein, im Ernst: es werden sich immer auch neue Türen öffnen, wenn sich bei bestimmten Plänen, die wir uns ausgemalt haben, eine Tür vielleicht schließt. Ich habe den festen Glauben, dass wir den großen ganzen Plan unseres Lebens sowieso nicht verstehen werden. Es ist aber beruhigend, dass es diesen bestimmt in irgendeiner Schublade dort oben gibt. Auch in Tiefen des Lebens vertraue ich darauf, an diesen zu wachsen, mit Kraft und neuer Erfahrung etwas Positives  rausziehen zu können. Das ist im ersten Moment des Scheiterns nicht immer schmerzfrei, aber wohl ganz einfach Teil unseres Lebens. Und Pläne B, C bis Z finde ich eigentlich noch viel spannender. Was da wohl alles noch auf mich zukommt …

Welches Buch liegt neben deinem Bett?

Ich habe unlängst eine Studie zum Thema Gehirnforschung gelesen. Demnach können wir uns selbst positiver „programmieren“, wenn wir jeden Tag 10 Dinge aufschreiben, für die wir dankbar sind, die uns gut gelungen sind und Freude bereiten würden. Daher liegt mein Positiv-Buch direkt griffbereit neben meinem Bett.

Wo fühlst du dich am lebendigsten?

Das sind so manch kleine Dinge unseres Lebens: mit dem Tretboot raus mitten auf den See fahren und ins kühle Nass rutschen, im Regen tanzen, laut singend durchs Haus wirbeln, mit Freundinnen den kalorienreichsten, aber leckersten Schokokuchen genießen, auf hohen Dächern die Weite unserer Heimat und manche Ferne bestaunen, ins kalte Gebirgswasser springen, auf dem Barfußweg jeden Zentimeter meiner Füße spüren, in die Sterne schauen und träumen, Schaumtürme in der Badewanne bauen, auf High Heels über unwegsame Pflastersteine das Leben jonglieren und in Herausforderungen stürzen, die andere für unmöglich erklären.

Wovon hast du zuletzt geträumt?

Vom Alltag eines kleinen Jungen, den ich beruflich begleiten durfte. Solche Träume, Dinge die uns nah gehen, machen uns letztlich in sozialen Berufen erst menschlich und lebendig. Andere Schicksale bewegen uns, wir nehmen Anteil an diesen und helfen mit großem Herz. Davon gibt es beeindruckend viele Menschen, die im Kleinen jeden Tag die Welt etwas reicher machen.

Tina Hentschel – Büro für Familienrecht und Mediation – Kids 1st Mediator

Mehr zu Tina Hentschel erfährt man auf ihrer Facebookseite

Engagierte Lausitzerinnen stellen sich bei „F wie Kraft“ vor. Dieses Mal ist es…

Wie heißt du?

Tina Hentschel

Zweiter Vorname?

Den haben mir meine Eltern scheinbar noch

...

GLANZ OHNE GOLD

Ein Buch mit Geschichten von Frauen aus dem Land Brandenburg

Über Geld spricht Mann nicht?

Wir schon. Die Idee zu diesem Buch entstand, als sich Frauen aus dem Management dreier Verbände, dem Brandenburger Landfrauenverband (BLV), dem Arbeitslosenverband (ALV) und dem Demokratischen Frauenbund, Landesverband Brandenburg (dfb) trafen und gemeinsam überlegten, wie frau das Thema »Armut« in Brandenburg angehen könnte. Wir wollten es nicht abstrakt in Zahlen haben. Wir wollten auch nicht jammern oder auf Schuldige zeigen. Wir wissen, dass in Brandenburg viele starke Frauen leben, die es nicht leicht hatten und haben, aber die sich trotz der schweren Bedingungen nicht unterkriegen lassen. Sie finden sich in unseren Verbänden. Ihnen geben wir mit diesem Buch eine Stimme.

Das Projekt, in dem das Buch entstand, heißt folgerichtig:

»Wir brechen das Schweigen. Brandenburger Frauen sprechen über Armut.«

© Lisa Smith

Fünfzehn Frauen – 5 Frauen aus jedem Verband – quer durch Brandenburg erzählten uns ihre Geschichten. Sie handeln von ihrem Leben in der DDR und nach der Wende sowie von ihrem Widerstand gegen die vielfältigen Armutsprobleme heute aber auch von ihren Erfolgen. Wir nennen sie unsere »Geschichtengeberinnen«. Sie leben in Prenzlau, Wittenberg und Neuruppin, in Strausberg und Beeskow, in Spremberg und vielen weiteren schönen Ortschaften quer durch das Land. Den Geschichtengeberinnen gilt unsere größte Anerkennung. Wir danken ihnen aus tiefstem Herzen. Ohne die Förderung der Landesgleichstellungsbeauftragten Monika von der Lippe wäre dieses Buch jedoch nicht zustande gekommen. Ihr gilt deshalb ebenfalls unser herzlicher Dank.

Nachdem die Geschichten erzählt und transkribiert waren, setzten wir uns in einem Team zu viert immer wieder zusammen, entwickelten die Texte in unterschiedlichen Erzählformen, entwarfen die Bilder und gestalteten Satz und Layout. Dabei ist mehr als nur die Aneinanderreihung von Geschichten entstanden und das spürten unsere ersten Zuhörerinnen in den Lesungen, die wir noch vor dem Shutdown wegen der Coronakrise halten konnten. Wir können es kaum erwarten, wieder in die Welt zu ziehen und den Geschichten Flügel zu schenken.

© Lisa Smith

Wenn Sie glauben, dass Sie im Buch jammervolle Geschichten über Armut oder statistisch genaue Biografien finden, können wir Sie diesbezüglich beruhigen. Wenn Sie aber glauben, es kommen wilde Krimis, Märchen, Abenteuer und Fabeln von Ritterinnen, Löwinnen, Truckfahrerinnen und Gazellen oder gar ein Theaterstück – dann liegen Sie genau richtig! Jede unserer Geschichtenerzählerinnen durfte sich ein Genre aussuchen und so haben wir ihre Biografien in vielfältige spannende und fantasievolle Formate gegossen. Nun stehen in unserem Buch: drei Kriminalfälle, drei Abenteuer, ein Theaterstück, ein Essay, eine Erzählung, ein Brief, eine Utopie und zwei Fabeln. Entdecken Sie sich selbst, gestatten Sie sich die passende Portion Wut über die Situationen der Frauen und staunen Sie über die Kraft, die sich in jeder Geschichte findet.

Mit unserem Buch werden wir also, sobald es geht, wieder unterwegs sein und mit Menschen ins Gespräch kommen, die ähnliche Geschichten haben und die unter den Folgen und Erscheinungen von Armut leiden. Gemeinsam diskutieren wir über Wege aus der Armut, über Gerechtigkeit, Gemeinschaft und über gesellschaftliche Notwendigkeiten. Wir werden uns mit den Geschichten unserer starken Frauen den Mut machen, Dinge zu bewegen, die dem guten Leben aller dienlich sind. Freuen Sie sich auf Lesungen vor Ort!

Kontakt und Ansprechpartnerin:
Nadja Cirulies (Projektleitung) per E-Mail unter nadja.cirulies@schnittstellentraining.de

Logo Verbundprojekt

Ein Buch mit Geschichten von Frauen aus dem Land Brandenburg

Über Geld spricht Mann nicht?

Wir schon. Die Idee zu diesem Buch entstand, als sich Frauen aus dem Management dreier Verbände, dem

...

GLEICHSTELLUNG IN DER LAUSITZ #1

Von Bernadette Rohlf

Katja Knauthe, Johanna Zabka und Fränzi Straßberger haben 2020 ihre Arbeit als hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte in der Lausitz begonnen. Ich habe sie jeweils getroffen und mit ihnen über ihre Visionen für die Region, über ihre Perspektive auf den Strukturwandel und ihre Schwerpunkte im neuen Job gesprochen.

Dies ist Teil 1 unserer Reihe „Gleichstellung in der Lausitz“. Teil 2 und 3 über Johanna Zabka und Fränzi Straßberger finden Sie in unserem Journal.

Katja Knauthe – „Bitte schreibt Kommunale Gleichstellungsbeauftragte.“

Katja Knauthe ist seit Juni Gleichstellungsbeauftragte und Koordinatorin des Bereichs Integration der Stadt Görlitz. Parallel promoviert sie zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf aus einer organisationssoziologischen Perspektive. Außerdem ist sie nach wie vor Dozentin und Mitglied an der Hochschule Zittau/Görlitz, sowie am Institut für Gesundheit, Altern und Technik (GAT) tätig.

Die Wissenschaft des Alter(n)s war Forschungsschwerpunkt in den letzten 10 Jahren ihrer wissenschaftlichen Laufbahn und bleibt auch in der neuen Position präsent: „Ich sag immer, wir haben kein Gleichstellungsproblem, wir haben ein Vereinbarkeitsproblem“. Die meisten Menschen denken beim Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ an die Sorgearbeit, die mit der Erziehung von Kindern einhergeht, für Katja Knauthe gehört aber auch die Pflege von älteren Menschen und Menschen mit Behinderung ganz klar dazu. Natürlich hat das auch eine Geschlechterperspektive: „Frauen sind der größere Anteil unter den Menschen, die Sorgeverantwortung tragen, das hat soziologische und historische Gründe“. Menschen, die Sorgearbeit tragen, könnten nicht adäquat am Erwerbsleben teilnehmen. Das will sie mit ihrer Arbeit ändern: „Die Verbindung läuft derzeit nur mit irgendwelchen Teilzeitkonstrukten oder sehr klassischen Familienverhältnissen und ich sehe dort die Kommune sehr wohl in der Verantwortung, Daseinsvorsorge zu leisten und ansässige Unternehmen und Organisationen so zu sensibilisieren, dass langsam dieser Nachteil der Sorgearbeit abgebaut wird.“

Um darauf hinzuwirken, sieht sie ihren Arbeitsschwerpunkt nicht in der Arbeit mit Vereinen, denn: „Für mich ist das kommunale Sozialarbeit – und ich bin Soziologin“. Diese wissenschaftliche und strukturelle Perspektive ist ihr wichtig, das möchte sie auch angemessen kommunizieren. Dass bisher „Gleichstellungsbeauftragte für Mann und Frau“ die Bezeichnung ihrer Stelle war, griff ihr viel zu kurz, weshalb nun „Kommunale Gleichstellungsbeauftragte“ auf Visitenkarte und Homepage zu lesen ist. Politischer Auftrag und konzeptionelle Arbeit sind ihr Fokus. Dafür nimmt sie auch gern in Kauf, weniger sichtbar zu sein im Stadtgeschehen. „Ich möchte einen kommunalen Gleichstellungsbericht schreiben. Es braucht eine Soll-Ist-Analyse, um Handlungsempfehlungen zu finden. Dafür muss man sich aber erstmal zurückziehen“.

Foto Knauthe 2048x1365

Als sie sich auf die Stelle beworben hat, war der Job selbst nicht ihr größtes Interesse. Eigentlich habe sie sich mit dem Oberbürgermeister darüber unterhalten wollen, dass ihre Definition von Gleichstellungsarbeit anders sei als das, was bisher umgesetzt und in der Stellenausschreibung beschrieben wurde. Dass sie dann für die Stelle ausgewählt wurde, war auch ein kleiner Schock, weil das eben auch bedeutete, ihre unbefristete wissenschaftliche Tätigkeit an der Hochschule zu beenden. Deshalb ist sie sehr froh darüber, weiterhin mit der HSZG zusammenzuarbeiten. Beispielsweise möchte sie die bisherigen Integrationsmaßnahmen der Kommune und des Landkreises gemeinsam mit Masterstudent*innen des Studiengangs Management Sozialen Wandels evaluieren.

Weil ein neuer Anfang immer Anlass für Visionen und große Ziele ist, wollte ich wissen, was Katja Knauthes Vision für Görlitz und die Lausitz ist. Darauf findet sie eine klare Antwort: „Was ich möchte, ist eine sorgende Gemeinschaft („caring community“) etablieren“. Das heißt, dass Familien als nach wie vor Haupt-Sorgetragende entlastet werden sollen – dafür muss die passende Infrastruktur geschaffen werden, die nicht nur genügend (Tages-) Pflege- und Kita-Plätze umfasst, sondern auch die Koordination von bürgerschaftlichem Engagement und ein Bemühen der Kommune, wachzurütteln und zu sensibilisieren, um das Ideal einer generationensensiblen Gesellschaft zu stärken. „Eine solidarische Gemeinschaft ist das große Ziel, ansonsten verfestigen sich konservative Strukturen und die machen nachweislich krank“. Im besten Fall wird Wahlfreiheit geschaffen, sodass Pflege- und Sorgearbeit aus freien Stücken geleistet werden kann, weil die Kommune vorgesorgt hat. Noch einmal weist sie auf die Geschlechterungleichheit hin: kürzlich habe sie einen Artikel gelesen demzufolge die gender gaps erst in 99 Jahren geschlossen würden, wenn es so weitergehe wie bisher. Ihr Ziel ist es, in Görlitz eher so weit zu sein. Diese Entwicklung weg von konservativen Strukturen und hin zu gemeinschaftlicher Verantwortung ist auch, was sie mit Strukturwandel verbindet. Eine Caring Lausitz möchte sie sich vorstellen, in der die gerontologische Perspektive auch im ländlichen Raum konsequent mitgedacht wird, denn aktuell ist die Reichweite der ambulanten Pflegedienste beschränkt, ÖPNV unregelmäßig und Lebensmittelläden in vielen Dörfern nicht mehr vorhanden. Sie wünscht sich innovative Lebensmodelle, vielleicht mehrgenerationale Zusammenschlüsse von jungen Raumpionier*innen und unterstützungsbedürftigen Alteingesessenen.

Was aber auch zu ihrer Vision gehört ist, dass die Kommune als familienfreundliche und pflegesensible Arbeitgeberin Vorbild ist, denn „Arbeitgeber sollen sich endlich für Gleichstellung verantwortlich fühlen!“. Dafür müssen Muster durchbrochen und Personalpolitik geändert werden „wir haben nach wie vor Strukturen, die es Frauen scheinbar verunmöglichen, in Führungspositionen zu kommen. Und das zu ändern, da will ich hin“. Als sie in den letzten Jahren noch Gleichstellungsbeauftragte der sozialwissenschaftlichen Fakultät war, konnte sie auch in Personalpolitik eingreifen. Leider ist das nun nicht mehr Teil ihrer Stelle, da die Kommune dafür eine Frauenbeauftragte hat, mit der Katja Knauthe auch im Strategiegespräch über diese Themen ist. Zukünftig könne sie sich gut vorstellen beides in Personalunion zu übernehmen.

Bernadette Rohlf…

… hat in Görlitz Management Sozialen Wandles (M. A.) studiert, ist freiberuflich bei F wie Kraft tätig und engagiert sich im feministischen*forum (instagram: @feministisches_forum) und bei Sohland lebt! e. V. (https://sohlandlebt.de/).
Von Bernadette Rohlf

Katja Knauthe, Johanna Zabka und Fränzi Straßberger haben 2020 ihre Arbeit als hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte in der Lausitz begonnen. Ich habe sie jeweils getroffen und

...

HIER ARBEITEN – WIEVIELE KOMPROMISSE SIND GENUG?

INTERVIEW MIT ANITA KOTTWITZ

Anita Kottwitz arbeitete von 2015 bis 2016 im Forschungsprojekt F wie Kraft. Sie leitete die Befragungen von Schülerinnen und Studentinnen zu den Verbleibperspektiven im Landkreis Görlitz. Zum Thema junge, qualifizierte Frauen in der Region kann sie sowohl aus der professionellen Sicht als aus ihrer persönlichen Erfahrung berichten: Sie kam vor einigen Jahren als Sozialwissenschaftlerin aus Berlin zum Leben in die Oberlausitz.

[audio src="/images/mp4/Interview_A.Kottwitz_Podcast.mpeg" autoplay="off" style="width:50%;margin:auto;"]

Was ist dein Bezug zum Projekt?

In erster Linie war es mein Beruf, den ich einbringen konnte, als Sozialwissenschaftlerin. Ich war zu dem Zeitpunkt, als das Projekt startete, gerade in die Oberlausitz gezogen. Vorher hatte ich zwölf Jahre in Berlin gelebt, so hat mich das  auch persönlich interessiert: Welche Perspektiven haben hier die jungen Menschen, die jungen Frauen in der Region,  beruflich Fuß zu fassen? Das war auch meine persönliche Situation zu diesem Zeitpunkt. So habe ich ein persönliches Interesse mitgebracht und konnte natürlich aber auch meine Expertise mit einbringen.

Was ist, zusammenfassend betrachtet, deine persönliche Perspektive auf das Thema junge, gut ausgebildete Frauen in der  Oberlausitz?

Meine persönliche, nicht die wissenschaftliche?  Das ist natürlich immer ein bisschen schwierig  voneinander zu trennen, wenn man in dem Bereich auch tätig war. Aber ich würde sagen, es ist grundsätzlich schwer, hier auch beruflich Fuß zu fassen. Also zumindest  in meinem Bereich. Ich bin Sozialwissenschaftlerin. Ich weiß jetzt nicht, wenn man einen technischen Beruf, vielleicht im Ingenieurwesen, ausführen würde, ob es dann leichter wäre. Ich kann nicht einschätzen, wie leicht oder schwer es da die Frauen haben. Aber ich kann sagen, dass es für Sozialwissenschaftlerinnen jetzt nicht so leicht ist. Wenn man bereit ist, gewisse Kompromisse einzugehen, ist es möglich, aber ich frage mich dann auch immer: Wie viele Kompromisse muss man eingehen? Nehme ich jetzt eine befristete Stelle in Kauf und dazu noch ein niedriges Einkommen und dann eben vielleicht noch einen Beruf, der nicht ganz auf das Profil passt. Also das wären jetzt eigentlich schon eine Reihe an Kompromissen. Im Moment ist mein Kompromiss, dass ich gar nicht hier, sondern in Berlin bzw. Bielefeld arbeite und pendeln muss, aber hauptsächlich von zu Hause aus arbeiten kann. Aber ich habe jetzt keine Stelle direkt hier in der Region gefunden.

Rückblickend auf das Projekt: Was nimmst du mit?

Ich nehme mit, dass es – aus meiner Sicht – hier schon unheimlich viele engagierte Frauen gibt. In jedem Alter, sowohl junge, als auch ältere Frauen, die sich dieses Themas auch angenommen haben und da aktiv sein wollen. Dass sie auch andere Projekte anstoßen wollen und auch ein bisschen das ausstrahlen wollen, was die Frauen sich hier eben wünschen, um hier auch gut leben zu können.

Susanne Lerche ist seit August 2017 mit F wie Kraft verbunden. Der berufliche Hintergrund, den sie einbringt, liegt in ihrer Praxiserfahrung in der Jugend- und Bildungsarbei.Darüber hinaus lebtsie mit ihrer Familie in der Region und wünscht sich, dass sich hier Türen und Räume für junge Frauen öffnen.

INTERVIEW MIT ANITA KOTTWITZ

Anita Kottwitz arbeitete von 2015 bis 2016 im Forschungsprojekt F wie Kraft. Sie leitete die

...

OHNE FRAUEN IST KEINE LAUSITZER ZUKUNFT ZU MACHEN!

JETZT SIND WIR FRAUEN GEFRAGT. DENN WER KANN UNSERE RECHTE, WÜNSCHE UND BEDÜRFNISSE BESSER VERTRETEN ALS WIR?

Die Zukunftswerkstatt Lausitz arbeitet an einer Lausitzer Entwicklungsstrategie. Bis 18. Oktober 2019 läuft dafür ein Online-Bürgerinnendialog. Dieser sammelt Perspektiven und Ideen aus der Bürgerinnenschaft. Für eine Lausitzer Entwicklungsstrategie, die nicht „von oben“ übergestülpt wird, ist das ein wesentlicher Faktor.

Noch bis zum 18.10. können sich alle Lausitzer*innen am Bürger*innendialog der Zukunftswerkstatt beteiligen, denn das Leitbild für den Strukturwandel der Lausitz kann nicht nur Kohleausstieg heißen.

Es geht um weit mehr als die Sicherung der Stromversorgung und Arbeitsplätze durch den Austausch von Ressourcen und Technologien.

Es geht um das gesellschaftliche Miteinander, eine lebenswerte Zukunft und kulturelle Vielfalt in Ostsachsen und Südbrandenburg auch für die nächsten Generationen in einer globalen Welt auf einer begrenzten Erde.

Also bringt Eure Perspektiven dazu mit ein!

-> Was macht das Leben in der Lausitz für Euch aus?

-> Wie soll die Lausitz von morgen für Euch aussehen?

-> Was sind Eure Zukunftsthemen für die Zukunft der Lausitz?

Zu finden unter:
 
 
 

JETZT SIND WIR FRAUEN GEFRAGT. DENN WER KANN UNSERE RECHTE, WÜNSCHE UND BEDÜRFNISSE BESSER VERTRETEN ALS WIR?

Die Zukunftswerkstatt Lausitz arbeitet an einer Lausitzer

...

Pflegerin sein in der Lausitz - eine Nahaufnahme

“Wir müssen einfach aus einer schwierigen Situation das Beste machen”

 

hands 2906458 1280

Schon bei unserem ersten Telefonat mit Frau Meier (Name von der Redaktion geändert) ist ihr Multitasking Talent zu spüren. Sie ist gerade auf Arbeit, ansteckend gut gelaunt und beantwortet zwischen zwei Sätzen die Frage einer Kollegin, gibt das Diensttelefon weiter, grüßt Bewohner. Stressige Situationen scheint sie geübt mit einer eleganten Mischung aus echter Freundlichkeit und Pragmatismus zu meistern. Später wird sie selbst dazu sagen: „Unser ganzes Leben besteht aus Management; mein ganzer Tagesrhythmus ist getaktet“. Frau Meier arbeitet als Altenpflegerin in einem Pflegeheim in der Lausitz und ist Mutter von zwei Kindern. Auch ihr Mann arbeitet im Pflegebereich, beide im Schichtdienst. Was das konkret bedeutet, davon erhalten wir im Gespräch mit ihr einen Eindruck und, um es vorwegzunehmen: die Realität erschlägt uns förmlich. Dass Schichtdienste und noch dazu die Vereinbarkeit mit Familienleben keine Leichtigkeit sind, war uns – so dachten wir – bewusst. Doch was das im Detail mit sich bringt, wird uns erst durch Frau Meiers eindrucksvolle Schilderungen klar.

Frau Meier ist vor vielen Jahren aus Überzeugung Altenpflegerin geworden, liebt ihren Beruf und übt ihn mit Leidenschaft aus. Doch auf die Frage, ob sie sich heute wieder für diesen Weg entscheiden würde, kommt sie ins Stocken:

„Wenn ich mit meinem Herzen entscheiden würde, würd ich sagen, ich liebe meinen Beruf über alles und möchte an sich nichts anderes machen. Aber mein Verstand sagt mir, in der heutigen Zeit hätte ich es vielleicht nicht mehr gemacht. Denn man hat so viele Entbehrungen, die man in Kauf nimmt. […] Leute, die im Büro arbeiten, von Montag bis Freitag, verdienen mehr als ich. Und wir gehen ja in Schichten, Wochenende, Feiertag, jeden Tag sind wir mit todkranken, alten Leuten zusammen, wir sehen viel Leid, wir sehen viel Elend“.

Im Pflegeheim arbeiten mehrere Berufsgruppen zusammen, und jede einzelne ist wichtig. Während Pflegehelfer*innen allein für die Körperpflege und den Kontakt zu den Bewohner*innen zuständig sind, was neben dem Waschen unter anderem auch Begleitung zu Toilettengängen, das Essen reichen, Lagern der Bewohner*innen und andere Tätigkeiten beinhaltet, übernehmen Pflegefachkräfte wie Frau Meier auch Aufgaben der medizinischen Versorgung wie Medikamentengabe, Kontakt mit den Hausärzten, Wundversorgung.

Wir haben eine sehr hohe medizinische Ausbildung! Subkutan spritzen, Katheter legen, Tracheostoma versorgen … wir sind eigentlich wie eine Krankenschwester, nur im Heim. Aber wir haben drei Jahre gelernt und dürfen nichts alleine machen. Ich brauche für [alles] eine Anweisung“.

Bedeutet praktisch: hat ein*e Bewohner*in beispielsweise Fieber, so muss ein Arzt eingeschaltet werden. Da es, im Gegensatz zum Krankenhaus, keinen Arzt auf Station gebe, muss sie zwangsläufig den Bereitschaftsarzt rufen. Frau Meier wünscht sich für ihre Berufsgruppe mehr Entscheidungsfreiheit, da dies auch die Bereitschaftsärzte entlasten und dadurch fachlichen Reibereien vorbeugen würde, welche nicht selten auftreten.

“Es ist anstrengend, immer lieb zu sein”

Zwischenmenschliche Konflikte scheinen generell ein Teil des Alltags im Pflegeberuf zu sein, der uns vorher in dem Maße nicht bewusst war. So berichtet Frau Meier über die Kommunikation mit Bewohner*innen und deren Angehörigen:

„Ein Großteil der Bewohner ist sehr dankbar und das ist eben auch schön so in unserer Arbeit. Manche denken, sie kriegen zu wenig Aufmerksamkeit und die Schwestern müssten mehr Zeit haben. Das ist eben schwierig zu vermitteln! Wir versuchen dann schon zu erklären, wenn wir halt - auf gut Deutsch gesagt - nur zwei Schwestern sind für 28 Leute, dann kann ich mich nicht so intensiv um den kümmern, der relativ viel alleine kann. Ich muss mich dann eben um den kümmern, der Pflegegrad 4 oder 5 hat und auf meine Hilfe angewiesen ist. Ich würde mich natürlich gerne mit der Oma hinsetzen und ein Käffchen trinken und mich mit ihr beschäftigen, unwahrscheinlich gern! Aber in erster Linie muss ich mich eben um die Leute kümmern, die es wirklich brauchen."

Den Angehörigen verständlich zu machen, dass für besondere Zuwendung kaum Zeit ist, sei mitunter schwierig. Besonders angesichts der Kosten eines Pflegeheimplatzes gibt es oft eine gewisse Erwartungshaltung an die Pflegekräfte. Kann diese nicht erfüllt werden, entsteht Missstimmung. Besonders schwer ist es für viele Angehörige, den “Verfall” ihrer Familienmitglieder auszuhalten. Zu sehen, wie die eigene demenzkranke Mutter immer mehr abbaut, macht verständlicherweise traurig, und die Trauer entlädt sich dann manchmal in Wut und Vorwürfen gegenüber den Pflegekräften.

Und obwohl Frau Meier und ihre Kolleginnen solche Situationen der Überforderung kennen und wissen, dass sie den fortschreitenden Krankheitsverlauf nicht aufhalten können und Verständnis für die Gefühle der Angehörigen haben, bleibt es eine Last, die sie auf sich nehmen. Daneben gibt es aber auch viel Dankbarkeit und freundliche Worte. Auch die Pflegekräfte selbst versuchen, stets freundlich zu bleiben, Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken, doch es ist “anstrengend, immer lieb zu sein”. Besonders in kritischen Situationen, wie etwa, wenn Bewohner*innen um sich schlagen, beißen, treten. Diesen Teil der Pflege sieht die Gesellschaft nicht, meint Frau Meier. Sie wünscht sich, dass die Perspektive der Pflegekräfte mehr beleuchtet und ihnen mehr Respekt entgegengebracht wird.

Was muss anders werden, und wie kann es gehen?

Dass Frau Meier jeden Tag aufs Neue den manchmal schier unmöglichen Spagat zwischen den Bedürfnissen der einzelnen Bewohner*innen meistern muss, und noch dazu den zwischen Beruf und Familie, liegt nicht an ihrem Arbeitgeber, sondern an dem enormen Fachkräftemangel. Als das Wort bei ihr fällt, kommt das für uns nicht unerwartet. Besonders seit die Pflege durch die Corona-Pandemie wieder zu ein wenig mehr Aufmerksamkeit in den Medien gelangt ist, hört und liest man häufiger über Personalsorgen. Doch was der Fachkräftemangel konkret bedeutet und welche Auswirkungen er auf den Arbeitsalltag einzelner Pfleger*innen hat, wird uns erst im Gespräch mit Frau Meier bewusst. Pflegerin zu sein ist für sie mehr als nur ein Beruf. Für Frau Meier bedeutet es, auch an ihren freien Tagen notfalls ein zu springen, wenn eine Kollegin krank wird. Es bedeutet für sie einen noch höheren organisatorischen Aufwand in ihrem Privatleben, manchmal auch den Verzicht auf Erlebnisse mit ihren Kindern. Aber ihr Beruf ist ihr wichtig, denn sie möchte, dass es den Menschen in ihrer Obhut gut geht. Die Unterbesetzung erfordert eine enorme Einsatzbereitschaft aller Mitarbeitenden; allzu verständlich, dass das auch zu Frustration führt. Denn paradoxerweise fehlt es an Anerkennung dieser Leistung und Arbeit, die für unsere Gesellschaft doch so unverzichtbar und wichtig ist, die uns spätestens seit März diesen Jahres als eine der systemrelevanten Berufsgruppen bekannt ist, die nicht ausfallen darf. Während des Interviews merken wir, wie auch uns diese Situation wütend macht. Doch wie ließe sie sich ändern?

Für Frau Meier ist die wesentliche Maßnahme höhere Gehälter zu zahlen, damit der Beruf lukrativer werde. Ansonsten werde das System Pflege irgendwann zusammenbrechen, weil es einfach keiner mehr machen wolle, vor allem nicht zu diesen Bedingungen. Mindestens genauso wichtig sei, mehr auszubilden und den Personalschlüssel zu erhöhen, um den Druck auf das Pflegepersonal insgesamt zu reduzieren, den Stresspegel zu senken, für Entlastung zu sorgen.
Altenpflege ist ein Beruf mit einem besonders hohen Krankenstand und hoher körperlicher Belastung - diese Ausfälle müssen kompensiert sein. Neben ausgebildeten Pflegekräften wären auch Helfer*innen eine Stütze, die zusätzlich da sind und mit Essen verteilen, waschen und vielleicht mal fünf Minuten für ein Gespräch haben. Frau Meier sieht da auch jene Menschen als Potenzial, die aus der Arbeitslosigkeit in den Beruf wollen und über eine Umschulung in eine solche Hilfstätigkeit der Altenpflege gelangen. Die Berufsausbildung kann ihrer Meinung nach zudem um ein Jahr - auf insgesamt 2 Jahre - verkürzt werden. Neben allen Schwierigkeiten ist es ihr wichtig, auch zu betonen, dass die Altenpflege ein sehr schöner Beruf ist- und mit mehr Personal noch schöner werden könne. Absehbar sind die erforderlichen Veränderungen jedoch nicht.

Die Stimme der Pflegekräfte

Die vermeintliche Alternativlosigkeit der Situation und fehlendes Aufbegehren ihrer Berufsgruppe macht Frau Meier wütend:

“Viele haben sich mit der Situation abgefunden. Eigentlich müssten wir mal auf die Straße gehen und sagen, so geht es nicht weiter! Wir wollen nicht zu zweit oder zu dritt auf dem Wohnbereich stehen! Wir hatten Bewohner, die haben zum Teil zwei Kriege mitgemacht, die wollen vielleicht einfach mal ein bisschen mehr Zeit haben, und wollen vielleicht nicht nur gewaschen werden und essen! Aber die Zeit hab ich nicht, weil ich schon den nächsten machen muss.”

Ein Problem ist, dass zu wenige Pflegende gewerkschaftlich angebunden und aktiv sind, was zum einen eine Kostenfrage, aber auch eine Frage des Selbstbildes des Pflegepersonals ist: “Die lieben Schwestern” trauen sich nicht zu demonstrieren, aus Angst die Bewohner im Stich zu lassen - vielleicht aber auch aus Angst vor negativer Rückmeldung? Würde sich politisch etwas ändern, wenn Druck aus den Reihen des Pflegepersonals selbst käme? Oder bleibt nur zu hoffen, dass Politik und Gesellschaft die Bedeutung dieser Berufsgruppe erkennen und wertschätzen? Corona verändert vieles, auch die Pflege und deren gesellschaftliche Wahrnehmung, und auch den Alltag von Familien:

„Mein Mann und ich arbeiten beide in systemrelevanten Berufen. Das heißt, als es losging im März mit Corona, hatten wir gleich Anspruch auf Notbetreuung. Ich wäre so froh gewesen, einer von uns wäre in Kurzarbeit gegangen. Einfach aus dieser Angst heraus, wir wussten ja nicht was auf uns zukommt mit dem Virus. Und Sie sind eine von den Eltern, die ihr Kind trotzdem in die Kita bringen muss. Wissen Sie, mit welchem Gefühl ich das gemacht hab?
Ich hätte mich hinstellen können und heulen. Ich dachte, alle anderen können wenigstens mit einem Elternteil zuhause sein, geschützt davor. Und was machen wir? Wir rennen weiter auf Arbeit. Wir mussten die Kinder abgeben. Mich hat das nicht glücklich gemacht und mich macht es auch jetzt nicht glücklich. Wir haben ja beide auch die Gefahr uns zu infizieren auf Arbeit. Ich hatte immer das Gefühl einer Rabenmutter. Und auch jetzt, wir sind ja wieder an der Front, wenn etwas passiert. Wir sind in der Hauptrisikogruppe bei uns im Beruf. Und dann denk ich mir, hätt ich doch lieber irgendwo einen Bürojob … Aber wir brauchen ja wenigstens noch ein paar, die den Beruf mit Herz und Verstand ausüben.“

Pflegerin und Mutter sein - was bedeutet das?

Beim Thema Kinder haken wir noch einmal nach. Wir merken, wie sehr Frau Meier das beschäftigt. Wir fragen sie, was generell getan werden müsste, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, auch in der Lausitz:

„Das Erste, was wichtig wär, sind die Öffnungszeiten der Kitas. Wir haben so viele Leute, die in Schichten arbeiten sind, warum haben wir am Wochenende keine Kinderbetreuung? Was macht man denn, wenn beide Eltern Frühschicht haben? Zwangsläufig heißt das immer, Oma und Opa. Ja, wie war es denn beim Lockdown? Wenn Großeltern absolute Risikogruppe sind, und die Kinder nicht nehmen können?”

Dieses Problem stellt sich auch bei Schließzeiten der Kitas wie im Sommer oder zwischen Weihnachten und Neujahr. Selbst die Abholzeiten nachmittags einzuhalten, ist bei manchen Dienstzeiten schwierig. Was bleibt, ist das schlechte Gewissen; das Gefühl, die Kindheit der eigenen Kinder zu verpassen. Deshalb möchte Frau Meier am liebsten “aus dem Schichtdienst raus”; mehr gemeinsame Zeit mit ihren Kindern verbringen. Momentan ist das innerhalb ihres Trägers allerdings nur umsetzbar, wenn sie in Teilzeit gehen würde. Doch von 20 Stunden kann sie nicht leben, sagt sie. Sie ist dem Träger sehr verbunden und hofft, dass sich in den nächsten Jahren eine Möglichkeit ergeben werde. Ihre Arbeit, das haben wir im Laufe des Gesprächs verstanden, ist für sie nicht nur eine Tätigkeit, für die sie bezahlt wird. Sie ist für sie Teil ihrer Identität, ein Ort, der ihr etwas bedeutet und die Gelegenheit, sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit einer Sache hinzugeben, für die sie brennt. Es macht sie glücklich, zu sehen, wenn die Leute nach einem täglichen “Wasch-Marathon” alle zufrieden und versorgt am Tisch sitzen. Die Menschen in ihrem Heim, sie liegen ihr am Herzen, und sie möchte, dass es ihnen gut geht. Sie selbst und - da ist sie sich sicher - das gesamte Personal ihres Heims, geht an seine Grenzen und darüber hinaus, um für das Wohlergehen der Bewohner*innen bis zum Lebensende zu sorgen.

Abschied mitten im Pflegealltag

Sterben und Tod sind der kritischste und gleichwohl alltägliche Bestandteil dieser Arbeit: Bewohner*innen, die teilweise über Jahre gepflegt und versorgt wurden, zu denen eine Bindung aufgebaut wurde, würdevoll zu verabschieden. Was macht das mit dem Pflegepersonal?

„Am Anfang bin ich regelrecht mitgestorben, ich musste aber mit den Jahren lernen damit umzugehen. Man kann nicht mit allen mit sterben, dann kann man den Beruf nicht machen. Das ist auch der Grund warum ich gesagt hab, ich bin keine Krankenschwester geworden, ich bin Altenpflegerin geworden, weil unsere Leute haben ihr Leben gelebt.“

Wie gehen Frau Meier und ihre Kolleginnen während des hektischen Alltags angemessen mit so einer bedeutsamen und intimen Situation um?

„Wir tun das Beste für die Bewohner … beruhigende Musik, eine Duftlampe, ein schönes Licht, sehr kirchlichen Leuten lesen wir aus der Bibel vor, oder wir legen es den Angehörigen nahe. Wenn wir merken, es dauert nicht mehr lange, sitzt jemand da und hält die Hand. Selbst wenn die schlechteste Personalbesetzung wäre, würden wir immer noch probieren, dass jemand den Kampf nicht alleine durchstehen muss. Ich mach danach immer ein Fenster auf, da kann die Seele in den Himmel gehen. Ich streichel dann auch nochmal über die Hand oder so ...”

Während sie erzählt, wird ihre Stimme leiser und weicher. Sie fühlt, was sie sagt und in dem Moment sind eher wir es, die sich abgrenzen müssen. Und dann? Dann, sagt sie, muss sie auch schon wieder weiter, denn die nächsten warten. Ihre Stimme ist nun wieder bestimmt und entschlossen, aber fröhlich und freundlich. Der “Abschied für immer” passiert innerhalb der routinierten Tagesstruktur, neben alltäglichen Aufgaben, scheinbar belanglosen Tätigkeiten und anderen Herausforderungen. Diese Widersprüchlichkeit von notwendigem Pragmatismus und Bedeutungsschwere des Todes - Frau Meier scheint sie mit Bravour zu meistern.

Unser Gespräch neigt sich dem Ende, denn Frau Meier muss zur Spätschicht. Ihre Kinder hat sie heute Morgen in die Kita gebracht und heute Abend wird sie ihnen über das Telefon Gute Nacht sagen. Sie wird während ihrer Schicht ihr Bestes geben für ihre Bewohner*innen. Nicht, weil sie dafür angemessen bezahlt wird oder dafür Applaus bekommt. Sondern allein aus Überzeugung, dass es das Richtige ist, was sie tut und weil sie ihre Sache gut machen will.

“Wir müssen einfach aus einer schwierigen Situation das Beste machen. Mit einem Lächeln durchs Leben gehen und sagen, wir können es nicht ändern, aber wir müssen das Beste draus machen.”

 

Susann Anker...

... lebt seit ihrem Studium des M.A. Management Sozialen Wandels mit ihrer Familie in Görlitz und engagiert sich als Ansprechpartnerin bei Mamseel (www.mamseel.de)

Helena John...

... ist Studentin an der Hochschule Zittau/Görlitz und engagiert sich neben dem Studium ehrenamtlich in der Pflege

 

 Das Porträt der Pflegerin entstand im Rahmen der F wie Kraft - ProduzentinnenTour "Pflege in der Lausitz". Alle Informationen über die Tour und alle Stationen sind hier zu finden.

 

Titelfoto: https://pixabay.com/de/photos/h%C3%A4nde-alte-alter-%C3%A4ltere-menschen-2906458/

“Wir müssen einfach aus einer schwierigen Situation das Beste machen”

 

hands 2906458 1280...

ÜBER VIELE BRÜCKEN MUSST DU GEHEN… FRAUEN AUF DEM WEG ZUR MACHT

Viele Frauen, die angefragt werden, sich für eine machtvolle Position – egal ob im hauptamtlichen oder ehrenamtlichen Bereich – zur Verfügung zu stellen, haben Bedenken, in ein Spiel einzusteigen, das sie oft nicht kennen und von dem sie ganz stark vermuten, dass sie es auch nicht beeinflussen können. Das ist an und für sich vernünftig, in letzter Konsequenz allerdings sehr bedauerlich!

Ich werde hier einige der „Schluchten“ betrachten, die Frauen überwinden müssen, um eine Führungsposition nicht nur zu erreichen, sondern auch für sie befriedigend ausfüllen zu können.

Je mächtiger ein Posten, desto seltener wird er von einer Frau besetzt

Zunächst ein kurzes Lagebild, zum Beispiel, was Frauen in der Kommunalpolitik anbelangt: Zum mittlerweile vierten Mal führte die Fernuniversität Hagen im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung das „Genderranking“ durch.  Darin werden 73 Großstädte mit über 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern anhand ihrer Frauenanteile an kommunalpolitischen Führungspositionen – Ratsmitglieder, Dezernatsleitungen, Ausschuss- und Fraktionsvorsitze – sowie für das Oberbürgermeisteramt verglichen. Es zeigt sich, dass innerhalb von knapp zehn Jahren der Frauenanteil an den Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeistern stark eingebrochen ist: von noch 17,7% 2008 auf 8,2% im Jahr 2017 – damit hat er sich in kurzer Zeit auf weniger als die Hälfte reduziert.

Der Frauenanteil unter den Dezernentinnen und Dezernenten ist dagegen als einzige politische Spitzenposition stark und kontinuierlich gestiegen: von 18,5 % 2008 auf 29,1 % 2017. Das wissenschaftliche Team der Fernuniversität führt dies darauf zurück, dass auf diesem Feld die beruflichen Qualifikationen von Frauen eine größere Rolle spielen als bei der Besetzung rein politischer Ämter.

Insgesamt gilt: Frauen sind, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, in den kommunalpolitischen Führungsämtern deutscher Großstädte auch 2017 unterrepräsentiert. Je wichtiger und mächtiger der Posten dabei ist, desto unwahrscheinlicher wird er von einer Frau besetzt.3 Ranking ostdt. Städte: Rostock (23), Leipzig (36), Dresden (37), Chemnitz (69)

Ein noch stärker polarisiertes Bild ergibt sich, wenn man die Frauenanteile in den Stadträten nach Parteien aufschlüsselt. Spitzenreiter sind Bündnis 90/Die Grünen mit der Erfüllung ihrer 50-Prozent-Quote, gefolgt von der Linken mit 44,4 % Frauenanteil (Quote 50%) und der SPD mit 37,3 (Quote 40%). Die einer Quote verpflichteten Parteien haben nicht nur hier einen deutlich höheren Anteil, sondern besetzen auch Fraktions- und Ausschussvorsitze deutlich stärker mit Frauen. Auf der anderen Seite unterbietet die neu hinzugekommene AfD, die nur in einigen Bundesländern in den Kommunalparlamenten vertreten ist, mit einem Frauenanteil von 11,6% noch die FDP, die 2008 mit 24,9% das Schlusslicht gebildet hatte und seither ihren Anteil nur geringfügig steigern konnte (auf 26,4% im Jahr 2017). Die CDU erreicht ihr eigenes Quorum von 33% (als Empfehlung) nur in 28 von 73 Großstädten.

Wenn die Politik den Frauenanteil in Kommunalparlamenten und kommunalen Spitzenpositionen in vertretbarer Zeit erhöhen möchte, bleibt als Maßnahme nur die gesetzlich festgelegte, verbindliche Quote, wie sie bereits in einigen europäischen Ländern gilt, zum Beispiel in Frankreich.

„Ohne die Quote würde es noch 128 Jahre dauern, bis eine paritätische Besetzung kommunaler Ratsmandate mit Frauen und Männern erreicht wäre – wenn man die Entwicklung von 2008 bis 2017 in die Zukunft fortschreibt,“

sagt Sabine Drewes, Referentin für Kommunalpolitik und Stadtentwicklung der Heinrich-Böll-Stiftung.

Kaffeekueche

Fehlende Erfahrungen mit Frauen in Leitungspositionen

Bei der Betrachtung dieses Lagebilds stehen wir vor der ersten Schlucht, die es zu überwinden gilt: die strukturelle, gesellschaftliche Schlucht. Hier geht es um Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit, die in unserer Gesellschaft vorherrschen, in den Köpfen von Frauen und Männern – mit allen Konsequenzen. An dieser Stelle möchte ich lediglich auf zwei dieser Konsequenzen aufmerksam machen: Die Einstellungen von Frauen und Männern Chefinnen gegenüber und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatem – Stichwort hier: die „zweite Schicht“.

Die Gesellschaft für Konsumforschung fragte 509 Männer und 536 Frauen: „Wen hätten Sie lieber als Chef? Einen Mann? Eine Frau? Oder ist es Ihnen egal?“ Das Ergebnis: 49 % der Befragten sagen, sie würden einen Mann als Chef vorziehen. 49 % ist das Geschlecht egal, aber nur 10 % hätten, wenn sie es sich aussuchen könnten, lieber eine Chefin. Und: Unter Frauen ist die Präferenz für eine Chefin mit 12 % gar nicht wesentlich größer als unter Männern mit 9 %. Gisela Mohr, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig, wertet dieses Ergebnis als Indiz dafür, dass althergebrachte Einstellungen unter Männern und Frauen noch immer stark wirken. Sie sagt: „Wenn man davon ausgeht, dass unter denjenigen, die ‚egal‘ sagen, auch solche sind, die es als politisch inkorrekt oder für nicht mehr opportun halten, eine Frau als Führungskraft abzulehnen, ist das ein recht trauriger Stand.“ Das Problem: Viele Frauen und Männer denken immer noch, eine Chefin sei automatisch zickig. Offenbar hat sich diese Einstellung in den vergangenen Jahren kaum verändert. Mohr ermittelte bereits in einer im Jahr 2007 veröffentlichten Untersuchung, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen es ihren Chefinnen nicht leicht machen. Teammitglieder zeigen demnach weiblichen Führungskräften gegenüber weniger Respekt, unabhängig davon, ob sie selbst weiblich oder männlich sind. Als eine Erklärung sieht die Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung den Umstand, dass es nach wie vor nur wenige Frauen in Leitungspositionen gibt und den Befragten daher schlichtweg positive Erfahrungen fehlen. Viele Leute würden es einfach nur so kennen, dass der Chef ein Mann ist und würden dann vermutlich denken, dass sie damit stets gut gefahren sind. (Vgl. Anette Dowideit, S. 33)

Eine weitere Konsequenz der strukturellen Schlucht, die sich zwischen Definitionen von Männlichkeit und Weiblichkeit in unserer Gesellschaft auftut: Eine der häufigsten Antworten auf die Frage, warum so wenige Frauen in Vorbild-, Leitungs- oder Führungspositionen zu finden sind, ist die Schwierigkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

Privatleben meint hier meist: Familienleben. Die Vereinbarung dieses Lebensbereiches mit dem Beruf ist eine Problematik, die sich auch heute noch nahezu ausschließlich Frauen stellt – und zwar so lange, wie männliche Führungspersonen die Tatsache, dass sie Kinder haben, mit dem Schließen der Haustür ganz einfach vergessen (können). Anders sieht das bei weiblichen Führungskräften aus: In der Regel gibt es auch für sie die „zweite Schicht“, wie Arlie Hochschild (1990) es genannt hat, wenn Frauen nach ihrem Vollzeiterwerbsjob außer Haus die zweite Schicht im Haus anschließen. Daran hat sich nichts geändert: Frauen leisten immer noch deutlich mehr Hausarbeit als Männer.

Welches Frauenteam holt sich schon einen Mann in die Kaffeeküche?

Eine zweite Schlucht tut sich auf, wenn man auf die Problematik aus institutioneller Sicht betrachtet. Auch hier zwei Beispiele: Zum einen das Phänomen der Selbstrekrutierung von Belegschaften bei Besetzungsverfahren. Zum anderen das Phänomen der Entkoppelung, also die organisationale Trennung von Formalstruktur und Aktivitätsstruktur.

Man weiß inzwischen, dass Teams darauf bedacht sind, eine organische Einheit zu bleiben, dass also alles so läuft, wie immer. Und dies ist am besten gewährleistet, wenn sich die Teammitglieder ähnlich, am besten gleich sind. Insofern sind diese Selbstrekrutierungsmechanismen bei der Neubesetzung von Stellen zwar durchaus nachvollziehbar – welches Team holt sich schon gerne und vor allem freiwillig einen Fremdkörper ins Nest. Trotzdem sind sie der Schrecken aller Gleichstellungsbeauftragten, da hier selbstverständlich alle objektiven Kriterien einer sich bewerbenden Person ausgeblendet werden. Diese Mechanismen betreffen alle möglichen Organisationen, vom Büro mit zwei Angestellten bis zur Partei. Und sie werden selbstverständlich auch in Frauenteams wirksam: welches gut funktionierende Frauenteam holt sich schon freiwillig einen Mann in die Kaffeeküche?

Und schon sind wir beim zweiten Beispiel für Abgründe auf der institutionellen beziehungsweise der organisationalen Ebene. Auffällig ist doch Folgendes: „Abnehmende Geschlechterungleichheit ist in einer beträchtlichen Anzahl von Organisationen oder in deren Teilen zu beobachten, während sich in anderen Organisationen Geschlechterungleichheit beibehält, vergrößert oder subtilisiert.“ Diese Beobachtungen macht Ursula Müller in ihrem Aufsatz „Organisation und Geschlecht aus neoinstitutionalistischer Sicht. Betrachtungen am Beispiel von Entwicklungen in der Polizei“ in den „Feministischen Studien“ (S. 40).

Woran liegt das? Was sind die Gründe für solche Erscheinungen?

klimaanlage graessel 2

Gleichstellung darf nicht nur heißen, dass es eine Gleichstellungsbeauftragte gibt

Um sich selbst beizubehalten beziehungsweise um die eigene Legitimität möglichst zu vergrößern, ahmen Organisationen durchaus Aktionen anderer Organisationen nach. Dabei wird entweder nachgeahmt, wenn eine Organisation unsicher ist oder wenn andere Organisationen als besser legitimiert und erfolgreicher erscheinen als die eigene. Dies beschreibt Ursula Müller auch für Gleichstellungsarbeit: Irgendwann, so meint sie, sahen sich einige Vorreiter-Organisationen in Deutschland durch internen Druck wie auch durch externe positive Beispiele bemüßigt, eine für Anti-Diskriminierung zuständige ‚Adresse‘ einzurichten, also eine Gleichstellungsstelle oder eine Frauenbeauftragte. Hierdurch entstand eine Unsicherheit für andere Organisationen, die beobachten mussten, ob sich eine Veränderung der Beschaffung von Legitimität und Ressourcen ergäbe, und viele reagierten mit nachahmenden Prozessen der Installierung einer ‚Beauftragten‘ für Frauen, Gleichstellung, Gleichberechtigung, Frauenförderung und ähnliche Bereiche ( Vgl. ebd.: 45).

Das heißt, Organisationen wie die Telekom – als Quotierungsvorreiterin! – ahmen einerseits nach (skandinavische Vorbilder zum Beispiel), und werden nachgeahmt, da sich Erfolge bereits eingestellt haben. Der Frauenanteil bei der Telekom hat sich bereits jetzt schon erhöht, das Unternehmen hat bundesweite Aufmerksamkeit erregt. Das muss aber nicht heißen, dass die einzelne Frau, die bei der Telekom arbeitet, etwas davon hat.

Meine Hochschule beispielsweise – dort kenne ich mich als ehemalige Gleichstellungsbeauftragte besser aus als bei der Telekom – hat schon einige Preise abgeräumt im Bereich von Frauenförderungsprojekten. Dies gelang aufgrund der an unserer Hochschule vorhandenen teilweise vorbildlichen Formalstruktur, was Gleichstellung anbelangt. Diese Struktur lässt sich ausgezeichnet an die äußere Umwelt, also entsprechende Jurys, verkaufen.

Auf der anderen Seite gibt es an unserer Hochschule aber immer noch Fakultäten mit nur einer einzigen Professorin, es gibt immer noch Berufungskommissionen ohne eine einzige Frau, und einzelne Gremienmitglieder verdrehen immer noch die Augen, wenn die Gleichstellungsbeauftragte – wie es ihr Recht und auch ihre Pflicht ist – zur Tür herein kommt und tatsächlich mitmachen will.

Diese Widersprüche: preiswürdig gegenderte Formalstruktur und zutiefst sexistisches Verhalten in der Aktivitätsstruktur, also auf der Ebene der einzelnen Akteurinnen und Akteure, das ist das, was Frauen an die allseits bekannte gläserne Decke stoßen lässt. Die besten Verwaltungsvorschriften, Erlasse und Gesetze nützen nichts, wenn wir die Aktivitätsstrukturen nicht verändern, wenn der Gedanke der Gleichstellung nicht nur formal, sondern handlungsleitend bei den Akteurinnen und Akteuren der Organisation angekommen ist!

Die eigentliche Messlatte für Frauen sind andere Frauen

Dass Teammitglieder – egal ob männlich oder weiblich – Teamleiterinnen oftmals den Respekt verweigern wurde hier schon beschrieben. Doch womit müssen „aus dem Team herausragende“ Frauen im Umgang mit anderen Frauen rechnen?

Viele Frauen in leitenden Positionen haben die Erfahrung gemacht, dass sie, wenn sie ihrem Umfeld freundschaftlich, persönlich gegenübertreten, die Distanz und den Respekt ihrer Umgebung verlieren.

Gerade bei Frauen aus ihrem näheren Arbeitsumfeld kann durch ein freundliches Auftreten die Frage provoziert werden, was denn an der höhergestellten Frau so besonders sei und warum gerade das, was diese Frau sagt, gemacht werden soll. Das Perfide dabei ist, dass aufgrund traditioneller, sexistischer Vorstellungen in den Köpfen von Männern und Frauen aber genau das von Frauen, egal ob „oben“ oder „unten“ erwartet wird: Frauen SOLLEN sich familiär, freundschaftlich und persönlich verhalten. Frauen werden immer noch als Klimaanlage in Organisationen gesehen.

Zwei Gesichtspunkte spielen hierbei eine Rolle: Zum einen rückt die Stärke anderer Frauen die eigene Schwäche und Unzulänglichkeit in den Blickpunkt. Haben Frauen Macht, stellt sich für viele Frauen die Frage: Diese Frau ist stark, warum bin ich das nicht?

Zum anderen sind für viele Frauen die eigentliche Messlatte andere Frauen: Männer sind stark, Männer haben Macht, Männer laufen für viele Frauen außer Konkurrenz. Die Konkurrenz ist die Kollegin, die Parteifreundin, die Mitgliedsfrau, eben: die andere Frau. Mit Männern, denken Frauen, müssen sie sich nicht vergleichen. Männern werden selbstverständlich die ersten Listenplätze überlassen, aber wenn es um Platz 20 geht, kicken sich die Mitbewerberinnen gegenseitig aus dem Feld.

Für viele Frauen sind die eigentliche Messlatte also andere Frauen und viele Frauen vergleichen sich nicht mit Männern, sondern mit anderen Frauen – ist das immer schlecht?

Viele Frauen finden es unerträglich, zu gewinnen

Auch in individueller Hinsicht gibt es viele Gräben zu überwinden. Hier nur einige, wirklich schmerzhafte Schlaglichter:

Die prognos-Studie „Frauen in Führungs- und Leitungspositionen in der Privatwirtschaft im Freistaat Sachsen“ konstatiert eine im Vergleich zu Männern seltenere konsequente Karriereorientierung von Frauen: Aufgrund von vornherein eingeschränkten Karriereerwartungen und fehlenden Rollenvorbildern investieren Frauen oft weniger in ihren beruflichen Aufstieg. prognos 2010, auf Grundlage von Auswertungen vorliegender Daten zur Privatwirtschaft in Sachsen und insgesamt 17 Expertinnen- und Expertengesprächen

Viele Frauen scheuen sich auch deshalb vor öffentlichen, machtvollen Ämtern, da sie sich offensichtlich leichter mit Schwäche als mit Stärke identifizieren. Sie finden es weniger unerträglich, zu verlieren, als zu gewinnen: In einem Seminar sollten zwei Frauen so lange miteinander ringen, bis eine gewinnt. Die anderen anwesenden Frauen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, die jeweils eine der beiden Ringerinnen anfeuern sollten. Das klappte alles ganz gut, bis sich herauskristallisierte, welche der beiden Frauen gewinnen würde. Ab diesem Zeitpunkt ging sämtliche Sympathie der Frauen auf die Verliererin über. Die Siegerin wurde nicht gefeiert, und sie selbst sah eher schuldbewusst und unglücklich auf die Verliererin (Flohr-Stein, Christa, Freundin – Konkurrentin!?, in: Frauenforschung 2 (1992) S. 131-141, S. 138).

Immer noch haben viele Frauen aufgrund ihrer Sozialisation aber auch Schwierigkeiten mit der Konkretion von Macht in ganz realen Alltagssituationen. Sie tun sich schwer mit einem gewissen Statusdenken, das für die Ausübung einer Spitzenfunktion unabdingbar ist. Status, die Stellung, die eine Person im Vergleich zu anderen Mitgliedern des jeweiligen Sozialsystems inne hat, wird angezeigt, wird zum Ausdruck gebracht, und zwar auf verschiedenen Kanälen. Der Ausdruck von Status dient dabei nicht nur der Orientierung für andere, also dafür, anderen anzuzeigen, mit wem sie es zu tun haben, sondern kann auch als Mittel der Durchsetzung, als Machtinstrument eingesetzt werden.

In einer gehobenen Funktion bedarf es einer gewissen Präsentation der eigenen Persönlichkeit. Vielen Frauen ist so etwas immer noch zuwider. Sie gehen immer noch eher zögerlich um mit Statusanzeigen wie Verfügung über Raum oder Zeit, Körperhaltung, Mimik, Gestik, Körperschmuck und Kleidung. Und: Frauen haben immer noch Schwierigkeiten, in der Öffentlichkeit laut, klar und deutlich und vor allem direkt zu sagen, was sie fordern (Gräßel, Ulrike, Weibliche Kommunikationsfähigkeit – Chance oder Risiko für Frauen an der Spitze?, In: Adam, Eva und die Sprache. Beiträge zur Geschlechterforschung. Duden Redaktion (Hg.), Thema Deutsch, Band 5, Mannheim et al. 2004, S. 59-68.)

Ein letztes Schlaglicht auf die individuellen Gräben, die Frauen überwinden müssen, wenn sie an der Spitze stehen wollen ist die Tatsache, dass viele Frauen sich durch Selbstzweifel selbst ausbremsen. Frauen sind Tiefstaplerinnen (Schönberger, Birgit, Die Tiefstaplerinnen. Wie Frauen sich durch Selbstzweifel ausbremsen, in: psychologie heute, Januar 2010: 33-37).

Hierfür wiederum einige Belege:

Pauline Clance prägte Ende der 70er Jahre den Begriff des Hochstaplersyndroms für Menschen – ihrer Vermutung nach überwiegend Frauen – die trotz guter oder sogar überdurchschnittlicher Leistungen ständig an ihren Fähigkeiten zweifeln. Sie quälen sich mit dem Gedanken, den Erfolg nicht verdient zu haben. Sie glauben, dass sie nur durch Glück auf ihrem Posten gelandet sind und fürchten, eines Tages als Betrügerin, als Hochstaplerin aufzufliegen.

Astrid Schütz, Professorin für differenzielle Psychologie und Diagnostik an der TU Chemnitz, die zu Selbstwertunterschieden zwischen Männern und Frauen forscht, hat herausgefunden, dass Frauen, unabhängig davon, wie kompetent sie tatsächlich sind, ihre Aufmerksamkeit eher auf ihre Schwächen lenken und sich dadurch tatsächlich schwächen. Sie fand weiterhin heraus, dass Frauen dazu neigen, sich zu unterschätzen, Männer eher zur Selbstüberschätzung neigen. Eine mögliche Begründung dafür sieht Schütz darin, dass Frauen ihr Selbstwertgefühl mehr als Männer von den Rückmeldungen anderer abhängig machen, daher Angst vor Fehlern und negativer Rückmeldung haben und sich dadurch weniger in den Vordergrund wagen.

Frauen neigen immer noch dazu, Erfolge auf günstige Umstände zurückzuführen und Misserfolge auf die eigene Unfähigkeit, was bereits in der Grundschule beobachtet werden kann. Schütz vermutet, dass Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen unbewusst die selbstkritische Haltung von Mädchen verstärken.

Monika Sieverding stellte in einer Studie über eine simulierte Bewerbungssituation fest, dass Frauen durchschnittlich nur knapp 3 Minuten über ihre beruflichen und persönlichen Stärken sprachen, Männer im Schnitt eine Minute länger. In derselben Studie zeigte sich, dass Frauen sich auf einer Skala von 0 bis 9 mit 2,8, Männer mit 5 einschätzten. Im Vergleich zu einer vorgenommenen Fremdeinschätzung haben sich dadurch die Frauen unterschätzt, die Männer sich eher realistisch eingeschätzt.

Es wird also Zeit, dass wir anfangen hochzustapeln, dann stellen wir uns wenigstens realistisch dar!

Ulrike Grässel ist Professorin im Studiengang Soziale Arbeit der Hochschule Zittau-Görlitz. Sie lehrt zu sozialpolitischen und organisationssoziologischen Themen und publiziert zu Geschlechtergerechtigkeit. 

 

Viele Frauen, die angefragt werden, sich für eine machtvolle Position – egal ob im hauptamtlichen oder ehrenamtlichen Bereich – zur Verfügung zu stellen, haben Bedenken, in ein Spiel einzusteigen,

...

WAS WIR HIER BRAUCHEN IST ETWAS, DAS BERÜHRT

Aus der Lausitz ins Wendland und zurück: Sybille Tetsch ging in den 90er Jahren nach Niedersachsen, engagierte sich im Atomkraft-Widerstand. 2014 ist sie gemeinsam mit ihrem Mann zurück nach Proschim gekommen, um sich gegen den Braunkohleabbau zu wehren. Weil beide aber nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit der Tat kämpfen wollten, eröffneten sie ihr Restaurant „Schmeckerlein“. Ein Besuch bei einer Lausitzerin, die den kulinarischen „Strukturwandel á la carte“ eingeleitet hat. 

12 Grad im Februar, Nieselregen, Brandenburg. Nach Proschim soll es heute gehen. An der Bushaltestelle des Bahnhofs wartet ein Auto, „Cowboys from Hell“ steht groß auf dem Kofferraum. Gleich neben dem Autokennzeichen prangt ein kleines Schild mit der Aufschrift „DDR“. Die Ostalgie ist hier noch zu Hause.

Der Bus fährt vorbei an stehengelassenen, auseinanderfallenden Häusern. Die Fenster zieren kleine Spitzengardinen. Sie glänzen so weiß, als wären sie gerade erst gewaschen und aufgehängt worden. Ein Zeichen der Zeit. Ein Zeichen für die Menschen, die sich auf der Suche nach einer besseren Zukunft gezwungen sahen, ihrem Zuhause den Rücken zuzukehren.

Der Bus hält in Proschim, das in vielen Berichten als „das letzte Dorf“ bezeichnet wird, weil es das letzte in der Lausitz sein könnte, das von der Landkarte verschwindet. Seit Jahrzehnten sieht es sich schon durch die Braunkohle-Abbaggerung bedroht. Heute steht es immer noch.

Der Kohleausstieg ist für 2038 beschlossen, es scheint also, als wäre das kleine Lausitzer Dorf gerettet. Mittlerweile gehört es zur Stadt Welzow, „der Stadt am Tagebau“. Nur wenige Menschen, die gegangen sind, sind zurückgekommen. Eine von ihnen ist Sybille Tetsch. Sie wartet an einer kleinen Bushaltestelle. Ihre rote Regenjacke leuchtet vor dem Grau der umliegenden Häuser. Von hier sind es nur einige Meter bis zu ihrem Wohnhaus und Restaurant.

Sybille Tetsch in ihrem Element

„Strukturwandel á la carte“

Seit 2015 versucht sich Sybille Tetsch gemeinsam mit ihrem Mann Alexander im selbsternannten kulinarischen Widerstand und engagiert sich in verschiedenen Lausitzer Netzwerken wie etwa den Raumpionieren oder Neopreneurs. Hier würde sie vor allem auf junge Menschen treffen, sie schätze den Austausch und die Vernetzung übers Internet.

Zum Schmeckerlein gehören neben dem Restaurant nicht nur ein Kräutergarten und ein kleiner Hofladen, sondern auch ein großer Steinbackofen im Außenbereich. Dieser Ort unterscheidet sich von denen in der Nachbarschaft. In jedem Detail des Hauses stecken Hingabe und Geschichte. Selbst im Steinofen, in dem im Sommer Flammkuchen zum „Genuss unterm Sternenhimmel“ gebacken werden, sind besondere Steine verarbeitet. So stammt der Schlussstein über der Ofentür von einem Haus, das der Braunkohle weichen musste. Der Besitzer schenkte ihn den Tetschs mit dem Wunsch, dass der Ofen nicht dasselbe Schicksal teilen sollte.

So ein Ort wie das Schmeckerlein, der zum Zusammenkommen einlädt und liebevoll gestaltet ist, ist Sybille Tetsch wichtig. So etwas habe es vorher in dieser Gegend nicht gegeben, daher seien die Leute auch angetan: „Bisher sieht man nur, dass in jedem Ort ein Bagger-Schaufelrad steht. Etwas Rostendes, Riesiges, das die Landschaft kaputt macht. Wir haben von Anfang an gesagt: Wir wollen irgendwas machen, was die Leute berührt. Egal, ob das jetzt der Garten ist, um den ich mich kümmere, oder das Kochen meines Mannes. Hier fehlen Sachen, die berühren, die einfach schön sind.“

Dem Dorf etwas Neues schenken und der Braunkohle-Melancholie etwas entgegensetzen: Zwei Ziele, die Sybille Tetsch am Herzen liegen. Ein Teil ihres Wohnhauses ist zum Essbereich für den Winter umfunktioniert worden. Eine riesige Regalwand mit über 600 Kochbüchern lädt die Gäste dazu ein, zu stöbern und sich inspirieren zu lassen.

Ein Restaurant wie das Schmeckerlein habe in Proschim so niemand erwartet. Dass das Konzept aufgehen wird, erst recht nicht. Viele zweifelten die Idee der Tetschs an. Sybille Tetsch erinnert sich, dass sie sich nach ihrer Rückkehr mit der Resignation und der Ideenlosigkeit der Menschen des überalterten Ortes konfrontiert sah. Das Restaurant sei trotz vieler Stimmen, die nicht an seinen Erfolg geglaubt haben, ein beliebter Treffpunkt geworden. Die Tische sind am Vormittag zwar noch leer, aber für den Abend ist die Gastronomin bereits ausgebucht. Alle sind willkommen, auch die Leute aus dem Kohletagebau: „Wenn das Restaurant geöffnet ist, dann findet das Thema Braunkohle eigentlich nicht statt, weil wir alle Menschen ansprechen wollen: Die, die in der Kohle arbeiten und diejenigen, die dagegen sind. Und obwohl alle hier unseren Standpunkt kennen, scheint es zu funktionieren. Wir wünschen uns, dass sich die Menschen wieder mit Respekt behandeln.“

Mit ihrem Konzept führt Tetsch Menschen an einen Tisch, die vielleicht schon länger nicht mehr miteinander gesprochen haben. Das sei im Dorf nach ihren Beobachtungen ohnehin ein großes Problem: „Dadurch, dass die Menschen hier jetzt schon mehrfach umgesiedelt werden sollten und durch diesen Umstand in Kohlebefürworter und Kohlegegner gespalten sind, haben die Leute sich nicht mehr gegrüßt. Sie haben die Straßenseite gewechselt – in einem 300-Seelendorf. Das ist wirklich ein Kommunikationsproblem. Viele Themen werden totgeschwiegen und kommen nicht auf den Tisch. Die setzen sich nicht zusammen und sagen: Lasst uns doch mal darüber reden.“

Verrückte Ideen braucht‘s

Dass die Leute im Dorf nur selten miteinander reden, liegt laut Tetsch auch daran, dass die meisten sich nur um sich selbst kümmern würden. Da scheint es nachvollziehbar, dass sie sich anfangs nicht ganz angekommen fühlte. Zwar habe sie den Eindruck, dass das Dorf derzeit wieder etwas zusammenwachse und man versuche, alte Traditionen wieder gemeinsam zu erleben, aber Tetsch macht deutlich: „Ich würde es mir noch bunter wünschen, und dass hier mal wirklich verrückte Ideen umgesetzt werden.“

Das betrifft in ihren Augen auch das große, allumfassende Thema Strukturwandel.
Wenn sie von der Lausitzer Natur spricht, dem Potential, das hier noch schlummert, dann überschlagen sich ihre Worte fast beim Erzählen. Dann sprudeln die Träume und Vorschläge nur so aus ihr heraus – was man hier noch alles machen könnte! Warum nicht Sägewerke, die das viele Holz aus den umliegenden Wäldern verarbeiten könnten.

Sie glaube nicht an den aufgesetzten Strukturwandel. Und auch das Wort mag Sybille Tetsch nicht: „Ich finde, der Strukturbruch ist mit der Wende passiert, als hier die ganzen Kraftwerke zugemacht worden und die jungen Leute abgewandert sind. Da hat kein Mensch von Strukturwandel gesprochen.“

Sie glaube viel mehr daran, dass es den sich langsam entwickelnden Strukturwandel „von unten“ geben müsse. „Das ist sicherlich nicht ganz einfach in einer Gegend, wo die Leute lange Zeit gesagt bekamen, was sie zu tun und zu lassen hatten. Ich denke aber, dass sich die Menschen mit einem Landstrich und mit dem, was sie tun, identifizieren müssen. Und wenn vieles von außen aufgesetzt wird, könnte es schwierig werden“, meint sie. Mit dem Schmeckerlein versucht sie, ihren Beitrag zu leisten. Einen, der Mut braucht und Menschen, die Lust haben, neue Projekte zu starten, sich auszuprobieren. Sie möchte Menschen zusammenbringen, die an der Verwirklichung solcher Projekte arbeiten. Deswegen will Sybille Tetsch auch als Vorbild dienen und sich mit dem Schmeckerlein als Botschafterin verstanden wissen. Ihre Message: Probiert Eure verrückten Ideen doch einfach mal aus. Ein Künstler*innenhaus könnte sie sich vorstellen, ein Projekt, das junge Menschen fördert und aufs Land bringt. Ihre Hoffnung sei auch, dass Menschen zurückkommen und das Vakuum in der Lausitz als Chance sehen.

Tetsch macht sich auch Sorgen darum, dass sich immer mehr Menschen rechtspopulistisch äußern und die AfD wählen: „Dass die Leute sich damit selber schaden, das sehen sie nicht. Ein 30-jähriger Arzt, den wir brauchen, der kommt nicht hier her, wenn hier die AfD im Stadtparlament sitzt oder den Bürgermeister stellt. Aber das ist den Leuten nicht klar.”

Wenn das schlimmer werden sollte, würden sie und ihr Mann vielleicht sogar wieder weggehen.

"Frauen kämpfen auch deshalb mehr um ihre Rechte, weil denen nichts in den Schoß gefallen ist. Die müssen kämpfen.“

Eine Frau in der Lausitz

Es scheint fast so, als ließe Sybille Tetsch sich von niemandem beirren, erst recht nicht von Männern. Mit ihrem Mann hat sie zwar schon in Niedersachsen zusammengearbeitet, aber abhängig hätte sie sich da nie gefühlt. Es wird deutlich, dass sie sich als Team verstehen. Aber wie war es für die Proschimerin als Frau in der Lausitz vor ihrem Weggang in den Westen?

Kurz vor der Wende begann sie eine Ausbildung zur „Revierförsterin“. Dass sie dort vor allem mit Männern zusammenarbeiten würde, stellte für sie gar kein Problem dar: “Ich habe immer lieber mit Männern gearbeitet. Ich mochte es auch, körperlich schwere Arbeit zu leisten. Ich wurde da akzeptiert. Das wird aber auch ein Unterschied zwischen Ost und West sein, denn die Männer im Osten waren ja auch so sozialisiert und es gewöhnt, dass da immer Frauen mit im Betrieb gearbeitet haben. Als ich mal auf einer Recyclinganlage gearbeitet habe, da hat auch keiner gefragt. Wenn da keiner da war, dann musste ich den wartenden LKW mit unserem Radlader beladen. Am Anfang haben die von dem Fuhrunternehmen vielleicht noch geguckt, weil sie Angst hatten, dass ich den LKW kaputt mache, aber das ging nicht anders.”

Allerdings wurden die Frauen nach der Wende in der Forstwirtschaft nicht mehr gebraucht. Doch auch diese Ansage verwandelte Sybille Tetsch damals in Tatendrang und begann ein Studium in Halle zur Umweltschutztechnikerin. Und ganz nebenbei war sie im Jahr 1994 Gründungsmitglied der Landfrauen in Proschim.

Frauenvereine für den Zusammenhalt

Der Landfrauenverband ist ein Verein, der zeigt, wie wichtig die Bedeutung der Frau auf dem Land überhaupt ist. Frau Tetsch erzählt, dass der Verein der Landfrauen sich gegründet habe, als das Dorf Proschim zum ersten Mal gesagt bekam, dass es stehen bleiben dürfe. Eine Bäuerin aus dem Dorf sei zu einem Treffen der Landfrauen in den alten Bundesländern gefahren und entschloss sich, so einen Verein auch in Proschim zu gründen. Der Grundgedanke dahinter: Frauen zusammenbringen. Vor allem Frauen, die nach der Wende arbeitslos geworden waren. Letztlich entwickelte sich aus einer kleinen Gruppe schließlich ein großer Orts-Landfrauenverband. Sybille Tetsch resümiert: „Ich glaube, dass die Landfrauen es damals geschafft haben, das zerrissene Dorf wieder zu einen. Als die Männer vielleicht noch nicht wieder miteinander gesprochen haben, haben sie gesagt: Jetzt machen wir ein Grillfest, jetzt machen wir etwas Schönes zusammen und sie haben die Männer mitgenommen und sie wieder zusammengebracht.“

Ihre Hoffnung setzt Sybille Tetsch auch in die jungen Frauen, etwa solche, die sich aktiv bei Fridays for Future einsetzen. Ihrer Meinung nach denken Frauen zukunftsorientierter als Männer: „Frauen kämpfen für die Zukunft, weil sie an die nächste Generation denken. Männer wollen den Status quo halten, wenn man so will. Sie wollen ihre derzeitige Macht sichern.“

Sybille Tetsch ist so eine Kämpferin. Und eine Ideengeberin, die viel Hoffnung darin setzt, dass irgendwann jemand ihrem Beispiel folgt und aus einer kleinen Idee etwas Schönes in Proschim schafft. Und wer weiß, vielleicht steht ja dann eines Tages – ein paar Häuser weiter vom Schmeckerlein – eine Ideenschmiede für Künstler*innen.

Aus der Lausitz ins Wendland und zurück: Sybille Tetsch ging in den 90er Jahren nach Niedersachsen, engagierte sich im Atomkraft-Widerstand. 2014 ist sie gemeinsam mit ihrem Mann zurück nach Proschim

...

WENN IHR STARKER ARM ES WILL

Von Heike Irion

Ullrich Heinemann hat 46 im und für den Lausitzer Bergbau tätige Frauen an ihren Arbeitsplätzen fotografisch porträtiert. Die Wanderausstellung war von 2018 bis 2020 im Revier zu sehen. Heike Irion hat sich die Ausstellung angesehen und ausführlich mit Heinemann sprechen können. Eine persönliche Annäherung an ein kontroverses Thema.

Der respektvolle Blick

„Es geht nicht um mich“, sagt Ullrich Heinemann, als wir uns an einem sonnigen Oktobermorgen im Gemeindehaus von Neuhausen/Spree hinter unseren Mund-Nasen-Masken unterhalten. Hier stehen die Frauen im Mittelpunkt seiner großformatigen Fotografien, dafür war er bei manchen Bildern auch bereit, eigene Ansprüche an die Komposition zurückzustellen. Ebenso uneitel zeigten sich die Porträtierten. So, wie er sie antraf, in Verwaltungsgebäuden, neben riesigen Anlagen, im Tagebau, zum Teil verschwitzt und verstaubt. Mit großer Selbstverständlichkeit stehen sie da, vor „ihren“ Geräten und Anlagen, vor dem Bildschirm, der Halde. Mit Helm, mit Multimeter, auf der Kanzel, am Steuer. Auf vielen der Aufnahmen leuchtet das Orange der Firmenkleidung. Am eindrücklichsten aber sind die Gesichter.

Tine Jurtz Fotografie 2020 10 9263 768x512

„Frauen im Lausitzer Revier“ heißt die Fotoausstellung, und ins Revier ist Ullrich Heinemann für seine Porträts gegangen. Er war selbst bis zur Pensionierung im Lausitzer Bergbau tätig, noch heute begleitet er Besucher*innengruppen durch den Tagebau Welzow-Süd, man kennt sich. „Ich habe wahnsinnige Hochachtung vor diesen Frauen, die in drei Schichten, Tag und Nacht, dafür sorgen, dass wir stabil Strom haben, und das oft noch zusätzlich zu Haushalt und Familie“, erklärt der Fotograf. Diese Haltung spricht sowohl aus seinem Auftreten als auch aus seinen Bildern.

Sein so respektvolles Frauenbild habe er von zu Hause mitbekommen, wo Vater und Mutter liebevoll vorlebten, dass Männer und Frauen gleichwertig sind und gleichberechtigt sein können. Mit dieser Einstellung ist er auf die Frauen im Tagebau zugegangen.

Gesicht zeigen

Viel Überzeugungsarbeit habe es nicht gebraucht, die Mehrzahl der Kolleginnen war schnell bereit, sich porträtieren zu lassen. Hilfreich war dabei sicherlich das aktive Mitwirken von Silke Butzlaff, Eimerketten-Baggerfahrerin im Tagebau Welzow-Süd. Gemeinsam mit Heinemann erarbeitete sie die Idee zum Projekt und verbreitete diese unter den Kolleginnen. Sie vermittelte Kontakte und begeisterte die Frauen. Wenn Heinemann auf Schicht nach einem verabredeten Fototermin noch eine weitere Kollegin für ein spontanes Shooting vor Ort ansprach, dann wusste auch diese bereits Bescheid über das Projekt.

Für Butzlaff war „Ende Gelände“ im Jahr 2016, die Besetzung und Blockade des Kraftwerks Schwarze Pumpe durch Umweltaktivst*innen Anlass, etwas tun zu wollen: Die Kumpel sollten mit ihrem Porträt für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze einstehen, der Braunkohle ein menschliches Antlitz geben. Diese Idee konnte nicht realisiert werden, aber es wurde aus ihr das Thema „Frauen im Lausitzer Revier“ geboren. Mit Würde und Anstand wolle er die Wertigkeit der Arbeit dieser Frauen zeigen, erzählt Heinemann, das sei sein Hauptanliegen gewesen.

Mit selbstbewusstem Blick zeigen sich die 46 Kolleginnen, jede an ihrem Arbeitsplatz, in Arbeitskleidung, so, wie sie sich vor Schichtbeginn selber geschminkt haben oder nicht, in den meisten Fällen nur mit natürlichem Licht fotografiert. Von der Verwaltungsassistentin bis zur Ingenieurin ist eine möglichst breite Palette der Berufe im Tagebau vertreten, auch das war Heinemann wichtig. Von zwei Auszubildenden Mechatronikerinnen bis zu noch in der DDR ausgebildeten Baggerfahrerinnen, die in absehbarer Zeit aus dem Berufsleben ausscheiden werden, sind alle Altersgruppen vertreten. Auffallend ist dabei, dass die Mehrzahl der abgebildeten Frauen in hochqualifizierten und hochspezialisierten Positionen tätig ist.

Tine Jurtz Fotografie 2020 10 9202 scaled e1603723471961

Beim Betrachten fällt mir auf, dass viele dieser Arbeitsplätze eines gemeinsam haben: Viel Technik. Wenig Mensch. Dort kontrolliert eine Kollegin tonnenschweres Gerät, tausende Megawatt Strom auf Knopfdruck. Ihre Kompetenz und ihr Stolz sind diesen Frauen ins Gesicht geschrieben, diesen Frauen, die im Alltag für uns unsichtbar souverän sehr große Verantwortung tragen.

Die Bilder vermitteln den Eindruck, dass jede einzelne dieser Frauen ohne Zögern die Gelegenheit ergriff, sichtbar zu werden, sich und ihre Leistung zu zeigen. Nur vier von 50 fotografierten Frauen gaben am Ende kein Foto für die Ausstellung frei.

Energiegewinnung aus Braunkohle ist ein Auslaufmodell, aber: „Solange es politisch gewollt ist, machen sie diese wichtige Arbeit“, kommentiert Heinemann, „ich ziehe den Hut vor dieser Verantwortung, das sind alles starke Frauen.“ Die sich zufrieden zeigten, im Reinen mit sich und ihren Berufen, fröhlich, was das Leben ihnen auch an Schwierigkeiten bereite. Ich sehe in ihre Gesichter während wir uns unter der hellen Lampe im Verwaltungsflur unterhalten: die Feuerwehrfrau, die Industrieelektronikerin, die Gleisarbeiterinnen, und mir wird sehr bewusst, dass Strom von Menschen gemacht wird.

Ullrich Heinemann wird die Fotos bald einpacken und bei sich zu Hause einlagern, die Reise seiner Ausstellung ist vorerst beendet. Vernissage war im November 2018 im Kraftwerk Schwarze Pumpe (das traf sich terminlich fast auf den Tag mit dem 100-jährigen Jubiläum der Erringung des Frauenwahlrechts in Deutschland, bemerkt Heinemann schmunzelnd), im Juli 2019 zog die Ausstellung weiter nach Boxberg, ab September 2020 sollten die Fotos eigentlich im Kraftwerk Jänschwalde zu sehen sein, was die Corona-Pandemie verhinderte, sodass sie zuletzt verlängert in der Gemeindeverwaltung Neuhausen/Spree hingen.

Wenn es nach Heinemann ginge, könnte seine Ausstellung weiter wandern, auch über sein Revier hinaus: „Die Porträts müssten auch in anderen Orten gezeigt werden, z. B. in der Energiefabrik Knappenrode oder sogar im Deutschen Bergbaumuseum in Bochum.“ Beiden würden diese kraftvollen Bilder sicher gut stehen.

Vom Revier ins Studio

Ein bleibendes Zeugnis der „Frauen im Revier“ liegt neben mir, während ich diese Zeilen tippe. Ein Projekt, das aus dem ursprünglichen Fotoprojekt geboren wurde, nämlich ein Kalender 2020, in dem sich 12 der 46 Frauen nochmals vor Heinemanns Kamera begaben. Diesmal im zum Studio umfunktionierten Hobbyraum im Keller seines Hauses bzw. in dessen Garten.

Jede der Frauen hatte freie Hand bei der Auswahl ihrer Kleidung und beim Styling, das eine befreundete Stylistin übernahm, und alle 12 entschieden sich für großen Kontrast zu den ersten Bildern. In zum Teil betont weiblicher Kleidung, auffallender geschminkt, die Haare frisiert, geschmückt, zum Teil sehr privat. Im Brautkleid. Im Dirndl. Als Clown.

Tine Jurtz Fotografie 2020 10 9191 768x1152

Auch im Blick hat sich etwas verändert. Mir fallen meine Jahre in einem „Männerdomäne“-Beruf ein, und wie ich mir mit der Arbeitskleidung zugleich jedes Mal meine Arbeitspersönlichkeit überzog. Eine solche legen sich alle Berufstätigen zu, für Frauen in „Männerberufen“ ist es aber nochmal besonders. Ich sehe im Vergleich jetzt deutlich, dass sich die Frauen im Revier bei Schichtbeginn mit der Firmenkleidung auch ihr Schichtgesicht anziehen.

Unter den großen Studio-Porträts zeigt der Kalender im kleineren Format Heinemanns Fotos der Frauen am Arbeitsplatz, gerahmt von dramatischen Weitwinkel-Fotos dieser Arbeitsplätze in den Tagebaulandschaften. Zumindest im Kleinen bleiben also einige der Fotos noch eine Weile sichtbar.

Die heiße Kartoffel Kohle, oder: Strukturwandel?

Ich fahre zurück in die Stadt, die ihre Stromversorgung zum Großteil auf erneuerbare Energien umgestellt hat[1] – beeindruckt, berührt, im Kopf sich neu formende Fragen.

Es fällt mir leicht, diese Frauen und ihr Können, ihre Lebensleistung zu respektieren. Ich möchte mich verführen lassen von diesem Gedanken: Die machen da nur ihre Arbeit, die Entscheidung treffen ja andere. Zugleich erkenne ich, wie problematisch er ist.

Kaum ein Berufsfeld bringt – für ganze Regionen – so viel Identität und Identifizierung mit sich wie die Kohle. Ich bin nahe am Ruhrgebiet aufgewachsen, war mit Bergmannskindern befreundet, ich habe die Arbeitskämpfe in der Stahlindustrie und in den Gruben hautnah erlebt. Im Schacht musst du dich absolut aufeinander verlassen können, das schafft Gemeinschaft, das formt Menschen. Die Arbeit ist schwer und gefährlich, aber du machst sie, damit alle anderen im Land es warm haben. Das war viele Jahrhunderte lang wahr.

Auch im Braunkohle-Tagebau ist die Arbeit für viele Kolleginnen noch hart. Sie gehen da raus, bei jedem Wetter, es ist laut und staubig. Der Zusammenhalt, der Stolz dieser Kolleginnen ist über Jahrhunderte gewachsen, ihre Tätigkeit hat der Lausitz vielerorts ihr heutiges Gesicht gegeben. Natürlich wünsche ich den Kumpeln hier, dass ihre Leistung wertgeschätzt wird. Den Frauen der DDR-Generationen mit diesen ausdrucksstarken Gesichtern, in die so viel Leben gezeichnet ist, natürlich wünsche ich ihnen, dass sie ihre letzten Berufsjahre ohne großen Umbruch absolvieren dürfen.

„Wir haben hier ja schon einen Ausstieg mitgemacht“, sagt Heinemann, damals in den 1990ern, als achtzig Prozent der Kapazitäten runtergefahren wurden. Die Region hat bewiesen, wie in diesem Bruch neue Höchstleistung aufblühen konnte. Damals wurde aber auch viel gerettet. Ganze Orte, Ortsteile und Landschaften vor der bereits geplanten Abbaggerung.

Was für eine verpasste Chance, denke ich. Diese Kompetenzen und Technologien mussten damals nicht zwangsläufig zum Braunkohleabbau (weiter-)entwickelt werden, das war eine Entscheidung. Eine Entscheidung im Angesicht schon damals alarmierender CO2-Emissionen und düsterer Prognosen für Klima und Menschheit.

Sie ist politisch gewollt, diese Tagebau-Braunkohle, sonst würde die Energiewende nicht wieder und wieder verschoben werden. Vom Strukturwandel sei hier im Revier noch nichts zu spüren, attestiert Heinemann, keine sichtbaren Anstrengungen würden unternommen, um eine Umstellung auf erneuerbare Energien vorzubereiten.

Ich denke an diese Gesichter der Braunkohle und denke, dass das Wissen und Können der hier gezeigten Frauen und ihrer Kolleg*innen sicher auch in anderen Bereichen gut genutzt werden könnten, zum Beispiel um genau diesen Strukturwandel einzuleiten und umzusetzen. Ich denke: Wie oft wurden und werden notwendige Veränderungen von Frauen bewirkt – das ist ein Gespräch, das ich mit den Frauen selber führen möchte.

[1] Quelle: https://www.stadtwerke-goerlitz.de/fileadmin/docs/pdf/privatkunden/strom/Vero%CC%88ffentlichungen/Stromkennzeichnung_2018_20191206.pdf

Tine Jurtz Fotografie 2020 10 9339 768x512

Ullrich Heinemann…

… Jahrgang 1947, hat im Kaliwerk Roßleben in Thüringen gelernt und war von 1974 bis 2001 im Lausitzer Revier in unterschiedlichen Funktionen tätig. In den Jahren 1978/79 absolvierte er über den Kulturbund der DDR die Ausbildung zum fotografischen Zirkelclubleiter und leitete bis zur Wende den Fotoclub „Glück auf“ im Kulturhaus der Bergarbeiter Cottbus, der zwei Mal die Goldmedaille bei den Arbeiterfestspielen gewann. Im Vorruhestand gründete und leitete er seit 2006 einen zweiten Fotoclub „Glück auf“, dessen sechs Mitglieder in zehn Jahren 25 Ausstellungen produzierten. Diese wurden u. a. in Stockholm, Potsdam und verschiedenen Städten der Lausitz gezeigt. Die hier besprochene Ausstellung ist seine erste Porträtausstellung.

Interessierte können ihn als Gästeführer im Tagebau Welzow-Süd antreffen.

Heike Irion…

… Jahrgang 1975, wuchs in der Nähe des Ruhrgebietes auf und kam über Berlin und England 2016 in die Lausitz. Sie hat eine Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondentin und einen englischen Bachelor als Event Designerin und Produzentin. Sie ist seit 15 Jahren freiberuflich kulturschaffend tätig, u. a. als Regieassistentin, Übersetzerin, Pyrotechnikerin und Autorin. Seit 2020 lebt sie mit Mann und Kind in Görlitz.

Fotografische Begleitung des Interviews…

… von Tine Jurtz

Von Heike Irion

Ullrich Heinemann hat 46 im und für den Lausitzer Bergbau tätige Frauen an ihren Arbeitsplätzen fotografisch porträtiert. Die

...

ZWISCHEN RAUCHENDEN ÖFEN UND SAUREM REGEN

Angelika Heiden setzte sich als erste Doktorandin an der Ingenieurhochschule in Zittau zum Thema regenerative Energien ein und als Frau durch

Angelikas Lebensgeschichte und ihre starke innere Haltung, die sie mit einer eigenen Willenskraft ausstrahlt, faszinieren mich. Angelika hat sich immer wieder ihren eigenen Weg gesucht und ist für ihr Anliegen eingestanden. Zielgerichtet schlägt sie sich als erste Frau, die zum Thema Energiesparhäuser in der Lausitz promoviert, teils alleinerziehend und teils mit Unterstützung von Freund*innen in dem überwiegend männlich geprägten Naturwissenschafts-Uni- Alltag durch. Die technischen und naturwissenschaftlichen Bereiche an der Hochschule sind bis heute in der Mehrzahl von Männern besetzt.

Während einer gemeinsamen Zugfahrt mit Angelika wird mir bewusst: das Thema Klimawandel war vor dreißig Jahren genau so aktuell wie heute. Meine Gedanken schweifen ab und ich frage mich, ob es Zusammenhänge von Klimawandel und der Unterrepräsentation von Frauen in den Naturwissenschaften gibt. Schließlich sind es in der Mehrzahl Männer, die an den Entscheidungshebeln sitzen.

Angelika erzählt mir, dass sie heute glücklich in Berlin lebt und in nur ein paar Schritten draußen in der Natur ist. Ich frage, ob ich Sie mal in Berlin besuchen kann, um weiteren Schwenkern vor allem aus der Studienzeit in Zittau zu lauschen. Wir tauschen Telefonnummern aus und wenige Wochen später kam dann Corona. Wir haben uns über Skype weiter ausgetauscht.

Alles begann im Jahr 1987. Angelika Heiden kämpfte zwischen rauchenden Öfen und saurem Regen über dem Riesengebirge auf ihre Weise für einen gesunden Planeten. Sie studierte Kraftwerkstechnik an der Ingenieurhochschule Zittau mit dem Ziel, regenerativen Energien als Alternative zu Kohleabbau und Kraftwerkstechnik auf die Spur zu gehen. In unserem Gespräch erzählt Angelika über Tschernobyl in den 80er Jahren und von vielen männlichen Kommilitonen, die nach dem Mauerfall in Westdeutschland als Kernkraftspezialisten mit Kusshand und guten Arbeitsverträgen eine langfristige Festanstellung bekamen. Zur gleichen Zeit lief die Braunkohleförderung für das Kraftwerk Hagenwerder im Tagebau Olbersdorf auf Hochtouren. Angelika blieb nach der Wende und auch nach ihrem Studium noch lange in Zittau und forschte weiter, um den regenerativen Energien als Alternative für den Kohleabbau voran zu bringen: Sie promovierte zum Thema Niedrigenergiehäuser.

Das Gefühl von „Es muss etwas passieren!“

Angelika wurde in Mecklenburg-Vorpommern geboren, bezeichnet sich selbst als DDR-Kind und schwärmt begeistert von Mathe und Physik zu Schulzeiten. Zu Studienzeiten setzte sie sich neben ihrem Anliegen für das Klima zusätzlich mit ihrer Überzeugung „das System funktioniert nicht“ in den Diskussionsrunden, die im kirchlichen Rahmen Ende der 80er Jahre in Zittau stattfanden, ein. Bei aktiven Gruppen in der Kulturfabrik Meda in Mittelherwigsdorf und in der Alten Bäckerei in Großhennersdorf wirkte sie mit so gut sie konnte. Kurz darauf gab es die DDR nicht mehr als ‚das System‘. Diese Veränderung nimmt sie wie einen Riss zwischen unterschiedlichen Welten wahr. Zu Wendezeiten hat sie ihren Alltag, als alleinerziehende Mutter und angestellte Doktorandin und so als eine von wenigen Frauen in der akademischen Wissenschaftswelt der Naturwissenschaft gerockt.

„In der DDR war ich es gewohnt, dass die Frauen arbeiten und ich habe eben in der Wissenschaft gearbeitet. Als das System zusammengebrochen ist, da ist auch ein Teil von meiner Weltanschauung weggebrochen und ich musste mir neue Ziele suchen, wie zum Beispiel die Forschung auf dem Gebiet der Nutzung alternativer Energiequellen.“

Quelle: http://www.gerryfoto.de/pixelpost/images/20090112203012_kraftwerk.jpg

Angelika erzählt: „Ich war 100% beschäftigt. Das Gefühl von ‚Es muss was passieren‘ hatte ich damals schon und es ist bis heute präsent geblieben. Ich war eine leidenschaftliche Naturwissenschaftlerin, das wusste ich ganz schnell. Heute würde ich sagen, ich habe damals ganz schön viel akzeptiert. In meiner Lehre arbeitete ich in Schwerin im Heizwerk und schon da bemerkte ich unter den Mitarbeitern diese Aufbruchsstimmung: So wie es war, würde es nicht mehr lange funktionieren. Wir haben es akzeptiert, dass wir nicht in den Westen konnten und haben unseren Alltag gelebt. Ich habe mich in die Wissenschaftswelt gestürzt. Mit einem klaren Vorhaben: Ich wollte etwas zum Klimaschutz beitragen.“

Damals war das Kraftwerk Hagenwerder noch in Betrieb und in Zittau wurde mit Kohle geheizt. Angelika erinnert sich während unseres Gesprächs an den sauren Regen, der durch die Abgase der Kohlekraftwerke im Osten und Westen in den 80ern im Riesen- und Isergebirge über Tschechien und Polen aber auch im Thüringer Wald und im Erzgebirge verursacht wurde. Viele Wälder sind eingegangen. Das hat die junge Klimakämpferin tief erschüttert: „Es hat mir das Herz gebrochen. Es war unheimlich, an einem toten Wald vorbei zu fahren. Dank Rauchgasentschwefelungsanlagen in den Kraftwerken gibt es heute in Deutschland keinen sauren Regen mehr. Aber die Wälder werden noch lange brauchen, um sich vollständig zu erholen. Das wussten wir damals schon.“

Während ich den naturwissenschaftlichen Fachworten folge, wird mir bewusst, dass es mich schon seit ich denken kann bewegt, dass das Thema Klimawandel in der Politik nicht zentral genug ist. Liegt das vielleicht daran, weil in der Politik auch zu wenig Frauen in den entsprechenden Positionen mitsprechen? Angelika führt weiter aus: „Jede*r Einzelne kann und muss etwas zum Klimaschutz beitragen, wenn wir noch lange auf diesem Planeten leben wollen. Jede*r kann auf den eigenen Fußabdruck achten. Dazu gehört neben weniger Flugreisen, Fahrgemeinschaften bilden und weniger Fleisch essen, auch dazu, den Heizwärmebedarf in unseren Haushalten zu beobachten.“

In den 90er Jahren brauchte es dringend neue Konzepte für gute Wärmedämmung und Heizungen, die regenerative Energiequellen nutzen. Als Angelika in den 90er Jahren zu diesem Thema als erste Frau in der Lausitz forschte, war ihr Sohn bereits im Kindergartenalter.

In der Lausitz gehört der Braunkohleabbau seit mehr als hundert Jahren zum Alltag der Bewohner*innen. Wie im Ruhrgebiet und im Mitteldeutschen Revier mussten ganze Dörfer der Braunkohle weichen. In vielen weiteren Ländern der Welt ist dies eine Realität von oft verwurzelten Gemeinschaften. In unserem Gespräch wird immer deutlicher: „Wer die Rechnung zahlt, ist das Weltklima und die Bewohner*innen der Lausitz“. Welche Rechnungen musste Angelika als Pionierin mit ihrer Promotion zum Thema regenerative Energien bezahlen? Als ich sie darauf anspreche kommt sie zuerst in eine nachdenkliche Stimmung und dann erzählt sie, wie tief sie in ihrer Alltagsroutine als Frau in der Naturwissenschaftswelt und alleinerziehende Mutter steckte und gleichzeitig mit dem System, das am Zusammenbrechen war, kämpfte.

Quelle: MaGüLi Feminismus

Eine Region im Wandel, die Welt im Wandel, der Klimawandel stets präsent

Eines wird deutlich: Die Doktorarbeit war Angelikas Anker. Mitten in dem ganzen gesellschaftlichen Gewusel blieb nicht viel Zeit und Kopf für Genderfragen. Mit Kind hatte Angelika kaum eine freie Minute für sich. Eins war ihr klar, sie möchte nicht zu Hause bleiben. Im Gespräch betont sie, dass sie mehr im Leben wollte und es schon immer geliebt hat, frei entscheiden zu können. Damit sie sich auf das Studium konzentrieren kann, hatte sie zusätzliche Unterstützung von einer guten Freundin. Nach dem Studium war Angelika als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Dort hat sie jede freie Minute in der Bibliothek verbracht, betätigte sich in der Arbeitsgruppe „Stadtsanierung“ und vertiefte das Thema regenerative Energien. Zwei Jahre später konnte sie sich mit einem Promotionsstipendium der Deutschen Stiftung Umwelt vollständig dem Thema Niedrigenergiehaus und Solarthermie widmen.

In der Energiebranche sind Frauen immer noch unterrepräsentiert, in der Umweltbewegung in der deutlichen Mehrzahl

Angelika hat sich nach ihrem Studium als Energieeffizienzberaterin selbstständig gemacht. Sie erinnert sich noch sehr genau an die Herausforderung, als einzige Frau in einer Projektgruppe für eine Energiestudie, mit ihrem Dr. Titel ernstgenommen zu werden. Neben dem Berufsalltag war Angelika oft mit Situationen konfrontiert in denen sie ihr Können als Frau in der Energiebranche, unter Beweis stellen musste. Angelika ist und bleibt eine mutige Pionierin, die ihren Weg gegangen ist, weil sie an den Klimaschutz glaubt. Und der ist heute mehr aktuell denn je!

Zum Abschluss unseres Skype-Gesprächs stellen wir ein gemeinsames Anliegen fest: Es ist an der Zeit, dass mehr und mehr Personen, die in der Mehrzahl nicht männlicher Geschlechter und mehr diverser Nationalitäten sind, die in den Naturwissenschaften und bei Klimaschutz wichtigen Entscheidungen mit eingebunden werden, sichtbarer und anerkannt werden für das was sie bewirken. Was braucht es, dass naturwissenschaftliche und technische Berufsfelder für alle Geschlechter interessanter und zugänglicher werden? Ein feministischer Klimaschutz in dem die Hierarchien zwischen den Geschlechtern aufgehoben werden, so wie zwischen Menschen und Umwelt vielleicht? Vorbilder finden wir hier in der stets anwachsenden Ökofeminismus Bewegung, wie zum Beispiel Vandana Shiva. Im Ökofeminismus werden Zusammenhänge der Öko-Krise mit patriarchalen Strukturen in denen Frauen nur bestimmten Aufgaben zugeteilt sind, ernst genommen.

Angelika hat einen essenziellen Beitrag mit ihrer Forschung für Niedrigenergiehäuser geleistet und in ihrem beruflichen Alltag ihren Mut und ihre Überzeugung bewiesen. Weiter machen, kritisieren und nicht schweigen – in Verbundenheit über den ganzen Erdglobus. Angelika und ich sind uns einig: Auch wenn es für Frauen* heute immer noch nicht ganz ausgeglichen ist was Pay Gap und die Anerkennung in naturwissenschaftlichen Berufen anbelangt – wir sollten nicht aufgeben, denn vieles ist schon erreicht. Ich schließe den Artikel mit dem Wunsch der französischen Ökofeministin, die den einzigen Lehrstuhl zur „Philosophie der Ökologie“ in Frankreich inne hat ab: Émilie Hache wünscht sich mehr Streit, damit es bei ökofeministischen Veranstaltungen um mehr als nur veganen Kuchen backen geht.

Liviana Bath…

… ist mit 20 Jahren Liviana Bath mit einem Segelschiff per Anhalter über den Atlantik gesegelt und hat eine zweijährige Reise mit dem Fahrrad in Lateinamerika drangehängt. Klimaschutz und Feminismus sind ihr persönliches Anliegen. Heute arbeitet die Sozial- und Kulturanthropologin mit dem Schwerpunkt Genderstudies als Referentin der Machtkritischen Bildungsarbeit. Im Dreiländereck leitet Liviana als pädagogische Koordinatorin die Fortbildungsreihe „Gruppen und Projekte diversitätsbewusst leiten“ bei der Hillerschen Villa e.V.

Angelika Heiden setzte sich als erste Doktorandin an der Ingenieurhochschule in Zittau zum Thema regenerative Energien ein und als Frau durch

Angelikas

...
Image
Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Diese sind essenziell für den Betrieb dieser Seite. Sie können selbst entscheiden, ob Sie diese Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.