Die Lausitz - ein Underdog wie ich

Einmal Prinzessin sein, mit einem langen Kleid durch ein Meer von Blüten laufen und in einem märchenhaften Schloss wohnen. Ein typisches Bild in einer Welt voller Stereotype?

Tonie Jahnke ist 21 Jahre alt und engagiert sich als „Kromlauer Blütenkönigin“, der Repräsentantin des Kromlauer Parks. Auf ihrem Instagram-Account folgen ihr fast 9000 Personen. Die meisten ihrer Follower:innen sind zwischen 25 und 34 Jahren, 74% sind Frauen. Die Hauptthemen: ihr Lieblingsort – die Rakotzbrücke, Lifestyle und ihr facettenreiches Engagement.

Die Aufgaben als Blütenkönigin nimmt sie sehr ernst. Sie ist Repräsentantin des Parks, wirbt für die Blütenpracht der über 100 Jahre alten Rhododendren und das Parkfest zu Pfingsten. Auch hinter den Kulissen ist sie aktiv, kümmert sich um die Pflege und Instandhaltung des Parks. In ihrem Amt möchte sie Besucher:innen verschiedener Altersklassen für ihre Heimat begeistern. Sie weiß alles über die Parkgeschichte, die Entstehung, die Restaurierungen. Drei Stunden hat sie mich herumgeführt. Sie kennt alle Geheimnisse!

So ganz nebenbei erzählt sie, dass sie 2019 zur Lady Karneval der Lausitz gekürt wurde. In Bad Muskau tanzt sie in der Funkengarde. Ich selbst durfte Sie bei verschiedensten Projekten  im Soziokulturellen Zentrum Telux in Weißwasser kennenlernen. Hier übernimmt sie die Moderation der „Gamingstube“ und hilft bei der Organisation und Durchführung des Kleidertauschcafés „Weitertragen“. Und als wäre das alles noch nicht genug, ist sie Trainerin der Foxettes – den Cheerleadern der Lausitzer Füchse. Mit 21 Jahren weiß sie genau, was sie will und wie sie diese Ziele erreichen kann. Ihre Aufgabe liegt nicht nur darin, sich im Glanze schöner Kleider fotografieren zu lassen. Sie will nicht nur des kleinen Mädchens Traum sein. Sie will mehr!

„Ich will mehr als schick aussehen und irgendwo herumstolzieren. Ich will arbeiten und Dinge richtig machen und dass wir junge Menschen in die Lausitz bringen.“

Unsere Region hat große Probleme, junge Leute in der Heimat zu halten. Meine eigene Jugend war geprägt von der Frage, was ich aus meinem Leben machen soll, wenn ich in der Lausitz bleibe. Studien bestätigen, dass viele Jugendliche sorgenvoll auf ihre Zukunft in der Lausitz schauen[1].

Auch Tonie kennt diese Probleme. Für ihre früheren beruflichen Ziele hätte sie die Region verlassen müssen. Um Sport oder Schauspiel zu studieren, müsste sie mindestens nach Berlin oder Leipzig ziehen – alles zu weit weg! Jetzt studiert sie Kulturmanagement in Görlitz.

Als Blütenkönigin geht sie von Mai bis Dezember auf Tour, um bei verschiedenen Events ihr Kromlau und weitere Schätze der Lausitz zu vertreten. Die Tour wurde im letzten Jahr aufgrund der Pandemie abgesagt. In dieser Pandemie ist sie jedoch besonders dankbar für ihr Leben in der Lausitz.

„Wenn du Bock hast - gehst du wandern oder an den See, gehst in den Sportverein, engagierst dich, setzt deine Ideen um!

Wenn Tonie von ihren Aufgaben und Zielen spricht, ist alles voller Enthusiasmus. Selten sehe ich so starke junge Frauen, die voller Überzeugung von ihrer Lausitz sprechen! Doch auch sie muss kämpfen, gegen Vorurteile, Hasskommentare im Netz und männliche Autoritäten.

„Frauen werden leider immer noch unterdrückt, auch hier – ich werde manchmal nicht ernst genommen, einfach weil ich 21 Jahre alt und blond bin, weil ich Kleider trage und mich schminke!“

Über die Enttäuschungen darüber, dass sich Menschen ihr gegenüber negativ äußern, spricht sie offen. Vorverurteilung und Stereotypisierung nerven sie zutiefst. Sie legt ihren Hatern ans Herz, lieber erstmal nachzufragen, anstatt ohne Vorwissen zu urteilen. Tonie will aber positiv bleiben. Sie lässt Stereotype und Zuschreibungen nicht unkommentiert, wehrt sich. Sie will aus solchen Situationen lernen und sich nicht unterkriegen lassen. Sie weiß was sie kann.

Die Choreografien der Cheerleader denkt sie sich allein aus, ihre Königinnenkleider und die Uniformen für die Foxettes designt und schneidert sie selbst. Sie schneidet ihre Musik und ihre Videos, bearbeitet ihre Fotos allein. Sie hat sich alles selbst beigebracht.

„Ich hab’s einfach gemacht und geguckt was bei rauskommt. Ich finde immer einen Weg, dass es funktioniert!“

Geld verdient sie mit keinem einzigen ihrer Jobs. Sie dominiert sich in den Männerwelten des Eishockeysports, der Tourismusbranche, der Lausitz. Sie wünscht sich mehr Anerkennung für das, was Mädchen und Frauen in der Zivilgesellschaft leisten. Sie wünscht sich, dass diese Arbeit nicht als selbstverständlich abgetan wird.

Trotzdem liebt Tonie ihre Heimat– sie braucht diese ganzen Aufgaben. Sie will als Beispiel dienen, dass ein gutes Leben für junge Frauen auch hier möglich ist, wenn wir uns gegenseitig unterstützen und verbünden. Sie will sich einbringen und junge Mädchen mitziehen.

Ich frage sie, ob sie das nicht müde macht, diese ganze Arbeit, kein Geld, was bleibt für sie da übrig? Was hält sie in der Lausitz?

„Ich will keinen Urlaub brauchen von meinem Leben! Alles was ich mache ist mein positiver Stress – ich lieb es zu hustlen. Ich kann hier meine Vorstellungen umsetzen, ich weiß, wen ich anrufen muss, wenn ich was brauche, ich kann mich entfalten. Es ist eine bessere Lebensqualität als in den ganzen Großstädten. Klar ich mag das, auch mal nach Dresden zu fahren, aber diese Freiheit hast du da nicht. Ja, du musst Abstriche machen – aber das Leben an sich ist hier einfach lebenswerter für mich. Ich will was erreichen und was bewegen – das geht nicht, wenn ich zu Hause auf der Couch sitze und fernsehe.“

Im letzten Jahr war ich oft mit Tonie zusammen, wir helfen uns, tauschen uns aus - schmieden Ideen. Dieser Artikel ist bei mir zu Hause entstanden, in Weißwasser, bei Tee und Eis, mit Gitarre und Ukulele. Ich wünschte mir manchmal ein bisschen von Tonie‘s Leichtigkeit. Sie macht einfach; sie legt einfach los!

Zum Abschluss frage ich sie, was sie mit der Lausitz gemeinsam hat. Bei Ihrer Antwort bin ich gerührt. Dieser Satz wird mich über Tage hinweg beschäftigen!

Die Lausitz ist wie ich – ein Underdog. Wir werden so oft unterschätzt, dabei entfalten wir erst unsere wahre Größe, wenn Mensch sich traut, uns kennen zu lernen!

Tonie Online

Franziska Stölzel...

... ist Wissenschaftlerin für Wandel- und Transformationsprozesse. Obwohl es sie nach ihrem Studium zunächst nach Südamerika gezogen hat, war für sie immer klar, dass sie zurück in die Lausitz möchte. Aktuell lebt sie in Weißwasser und ist für das Projekt REBOOST der Universität Graz beschäftigt. Außerdem ist sie in verschiedenen Projekten aktiv, wie bspw. dem Soziokulturellen Zentrum Telux, als auch als Mitautorin des Lausitzmonitors sowie F wie Kraft - Stammtischlerin der ersten Stunde. 

Fotos: https://patlografie.de/

 

 [1] Eine Studie des IASS beschreibt die Situation der Jugendlichen und Auszubildenden bei der LEAG als “Sorgenvoll (…) im Hinblick auf die Themen Arbeit, Familie und Armut. Ihnen macht nicht per se der Verlust ihres Arbeitsplatzes Angst, sondern für eine neue Arbeitsstelle aus der Region wegziehen zu müssen, Familie und Freunde weniger oft sehen zu können und zu schlechteren (finanziellen) Konditionen arbeiten zu müssen.“

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