Die Lausitz als Wahlheimat

Darüber, wie es eine junge Frau mitten in die Lausitz zog – und warum sie dort bleibt

Ein Leben an der See habe ich mir seit Kindertagen gewünscht. Deshalb stand nach dem Abitur im Südwesten Niedersachsens für mich fest – es geht gen Norden! Und was ich da machen wollte, wusste ich auch in etwa. Auf jeden Fall etwas mit Technik. Da kam mir eine damalige Kampagne zu Mädchen in Naturwissenschaft und Technik gerade recht. Im Rahmen eines Technikums sollten junge Frauen nach dem Abitur die Möglichkeit bekommen, für ein halbes Jahr ein technisches Praktikum zu absolvieren, um sie für ein Studium in dieser Richtung zu motivieren. Voraussetzung war ein gewisses Interesse an naturwissenschaftlichen und technischen Themen. Mit meinen Abitur-Prüfungsfächern Physik, Mathematik und Informatik konnte ich dem gerecht werden. Nach einigen interessanten Bewerbungsgesprächen bei den teilnehmenden Unternehmen kam es letzten Endes jedoch nicht zum Vertragsabschluss.

Gut, dachte ich mir, spare ich mir das Technikum, das grundlegende Interesse für diese Bereiche habe ich ja. Dann soll es direkt ein Studium sein - mit Technik und gleichzeitig wirtschaftlichem Bezug. Somit fiel meine Wahl auf Wirtschaftsingenieurwesen – Hälfte BWL und Hälfte technisches Studium. An den meisten deutschen Universitäten ist der technische Teil Maschinenbau oder Elektrotechnik und man benötigt ein achtwöchiges Industriegrundpraktikum. Da wir in der Oberstufe im Physikleistungskurs elektrische Felder behandelt haben und mich das sehr faszinierte, entschied ich mich für Wirtschaftsingenieurwesen mit Elektrotechnik-Schwerpunkt. Für dieses Studienfach habe ich mich an allen deutschen Hochschulen in Küstennähe beworben.

Währenddessen habe ich relativ spontan das Industriegrundpraktikum bei einem großen produzierenden Unternehmen in meiner Heimat begonnen. Vormittags in der Werkhalle bei der Aluminiumverarbeitung die Mitarbeitenden unterstützen und nachmittags im Büro die Arbeitsaufträge für den nächsten Tag vorbereiten – so habe ich direkt das Zusammenspiel aus Organisation und praktischer Umsetzung live miterlebt, was mich in meiner Entscheidung für die Fachrichtung Wirtschaftsingenieurwesen weiter bestärkt hat. Generell war das eine sehr kostbare Zeit. Auch wenn es mir am Anfang schwer fiel, mich um 4:30 Uhr aus dem Bett zu quälen, um eine 40 Stunden Woche zu arbeiten, während mein Umfeld den freien Sommer zwischen Abitur und nächstem Schritt müßig genoss. Ich bin trotzdem sehr dankbar, dass ich diese Möglichkeit hatte. Man hat mir spannende Aufgaben aufgetragen, ich durfte bei einem aktuellen F&E-Projekt mitwirken und die Abteilungen haben mich so mitarbeiten lassen, als würde ich schon immer dazu gehören.

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Eine richtig gute Zeit also. Jedoch fing ich an, den Elektrotechnik-Schwerpunkt zu hinterfragen. Die Arbeit mit den Maschinen und zu verstehen, wie sie funktionieren, machte mir so großen Spaß, dass ich entschied, doch eine Maschinenbau- oder noch lieber allgemeine Produktions-Vertiefung zu wählen. Und ab da wurde ich nervös, denn die Zusagen der Hochschulen bezogen sich alle auf die Elektrotechnik-Vertiefung. Es war Ende Sommer, die Bewerbungsfristen der Hochschulen längst vorbei und der Semesterstart kam immer näher. Ich hatte keinen Studienplatz, keine Wohnung, dafür umso mehr Panik. Also fing ich an zu recherchieren, welche Optionen ich habe. In welchen Städten gibt es überhaupt bezahlbaren Wohnraum zwei Jahre nach dem Doppeljahrgang? Die Wohnungssituation war durch den Abschluss nach 12 und 13 Jahren Abitur – somit der doppelten Personenzahl, die nun zum Studieren, Ausbilden und FSJ in die Städte ausschwärmte – generell angespannt. Welche Hochschulen bieten Wirtschaftsingenieurwesen NC-frei, also ohne Bewerbung an? Also habe ich alle Hochschulen mit NC-freiem Wirtschaftsingenieurstudium und Studierendenwohnheim rausgesucht, da mir die Zeit für WG- und Wohnungs-Castings fehlte.

Nach vielen ernüchternden Anrufen und Mails hatte ich dann Mitte September zwei Optionen: 1. In Hannover einen sicheren Platz in einer WG haben, aber mit Maschinenbaustudium. 2. In Braunschweig Wirtschaftsingenieurwesen studieren, aber auf Platz 900 auf der Warteliste für ein Wohnheimzimmer sein. Das hat mir beides nicht gefallen, sodass ich resigniert noch einmal meinen Mail-Papierkorb durchgegangen bin. Darin auch die Nachricht aus Cottbus. Auf meine Wohnheimanfrage in Cottbus wurde geantwortet, dass mein Vorgang bearbeitet wird, sobald ich eingeschrieben bin. Da ich mich erst einschreiben wollte, sobald ich wusste, dass ich eine sichere Wohnung habe, hatte ich die Mail in den Papierkorb geschoben. Als ich sie dort wiedergefunden hatte, dachte ich mir, dass ich an dem Tag schon so viel telefoniert hatte, dass ich auch da noch einmal nachhaken kann. Das war eine richtig gute Idee.

Die nette Dame auf der anderen Seite erklärte mir, nachdem ich ihr meine Situation geschildert hatte, dass es kein Problem sei. Wenn ich noch nicht eingeschrieben sei, müsste ich nur die Kaution direkt überweisen, die sonst mit der ersten Miete fällig sei. Da der Mietvertragsstart sowieso in der nächsten Woche geplant war, machte das für mich keinen Unterschied. Somit hatte ich die Option, mein Wunschstudium – Wirtschaftsingenieurwesen mit Produktionsvertiefung – und mit einer sicheren Unterkunft zu starten. Jedoch am anderen Ende der Republik. Nach Beratschlagen mit meiner Familie, entschied ich, dass es trotz der Entfernung die beste Option sei. „Ist ja auch nur für den Bachelor…“ Und so wurde ich eine Woche später, Ende September 2013, Cottbuserin.

 

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Auch wenn ich Sorge hatte, allein fern der Heimat zu sein, freute ich mich. Der erste positive Schock war, als ich nachschaute, wo denn das Wohnheim ist und wie ich dann zur Uni komme. Ich stellte fest, dass das direkt nebenan ist. Innerhalb von fünf Minuten aus dem Bett im Hörsaal, das hätte ich nie erwartet. Als ich zur Mietvertragsunterschrift das erste Mal nach Cottbus kam, war ich fasziniert von den schönen Altbauten der Bahnhofstraße, viel Grün in der Stadt und den kurzen Wegen. Damals dachte ich an eine neue Heimat für drei Jahre, und dass ich nach dem Bachelor für den Master an eine andere Universität wechsle. Aber das Studium hat mir gut gefallen, ich mochte die Universität und die Leute, Cottbus war für mich eine sehr lebenswerte Stadt. Deshalb bin ich auch für den Master hiergeblieben und konnte weiter die Vorzüge der Lausitz genießen. Und wieder drei Jahre später, als sich die Frage stellte, wie es nun beruflich weitergeht, war mir klar, es soll etwas in der Region und mit der Region sein. Bis zu meinem Studium kannte ich die Lausitz als Region nicht, der Spreewald war mir ein Begriff, aber mehr auch nicht. Aber in meinen mittlerweile sieben Jahren in der Lausitz habe ich sie richtig zu schätzen gelernt. Es ist toll, wenn man am Wochenende spontan mit dem Rad an Orte fahren kann, zu denen Leute von weit anreisen, um Urlaub zu machen. Ich bin richtig gern hier. Da mir die Lausitz stets ein gutes Zu Hause war, wollte ich etwas zurückgeben und nicht einfach nach meinem Studium fort.

Im Master war ich über eine glückliche Verstrickung bei einer lokalen Wirtschaftsinitiative bereits als Werkstudentin tätig. Im Rahmen meines dortigen Projektes untersuchten wir die Clusterbildung in der Region untersucht und ich beschäftigte mich weiter mit dem Strukturwandel der Lausitz. Nach meinem Abschluss stieg ich dort als Projektmanagerin ein. Ich wurde Innovationsmanagerin für das Vorhaben der Ko-Innovationsplattform Industrieautomatisierung.

Es beeindruckt mich immer wieder, wie aus dieser kleinen Entscheidung im Sommer 2013, die Nachricht aus Cottbus nicht endgültig aus dem Papierkorb zu löschen, sondern noch einmal nachzuhaken, so ein Schlüsselmoment für mein Leben geworden ist. Sonst wäre sicherlich vieles anders gelaufen, vielleicht besser, vielleicht schlechter, vielleicht genauso gut, nur anders. Aber eines ist mir klar: ich bin froh, dass es so gekommen ist, wie es ist. Ich bin nicht an die See gezogen, aber nun kommt der (Ost-) See eben zu mir.

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 Lisa Meyer...

... ist nach ihrem Abitur 2013 zum Studium an der BTU nach Cottbus gezogen. Seitdem hat sie die Lausitz in ihr Herz geschlossen und freut sich, aktiv den Strukturwandel mitgestalten zu können. Sie ist stehts offen für spannende Projekte und regionale Initiativen. Zu erreichen ist sie über die Portale Xing (https://www.xing.com/profile/Lisa_Meyer287/cv) oder LinkedIn (https://www.linkedin.com/in/businessmeyer/).

Fotos: Lisa Meyer