Bildung auf dem Land

Wie sich zwei junge Lehrerinnen für Schule in der Lausitz einsetzen   

Im ländlichen Raum der Lausitz herrscht Lehrer*innenmangel, gerade für junge Menschen ist die Arbeit dort oft nicht attraktiv. Manche sind allerdings überzeugt, dass sie gerade hier etwas bewirken können.

Julia und Anne Schaffhirt, beide 26, könnten das erwachsengewordene Zwillingspaar aus einer Teenie-Fernsehserie sein. Die beiden tragen die gleiche markante Brille, beide haben sich entschieden, Lehrerinnen zu werden und beide dafür, in den ländlichen Raum der Lausitz zurückzukehren. Nicht weil sie mussten, sondern weil ihnen die Lausitz am Herzen liegt.

Damit sind sie die Ausnahme: 2020 gaben 70 Prozent der neueingestellten Lehrer*innen in Sachsen als Einsatzwunsch Leipzig oder Dresden an.[1] Außerhalb dieser Großstädte werden in Sachsen eigentlich überall Lehrer*innen gesucht. In Bautzen sind mehr als 100 Vollzeitstellen zu besetzen, Bewerbungen gibt es nur 44. In Chemnitz kommen auf 185 Stellen gerade einmal 67 Bewerber*innen.[2] Speziell Stellen an Grund- und Förderschulen bleiben häufig offen.

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Julia und Anne haben auch dieselbe Fächerkombination studiert: Mathe und Deutsch. Dadurch verbrachten sie auch während ihres Studiums in Dresden viel Zeit zusammen. „Wir haben es immer als sehr positiv wahrgenommen und wertgeschätzt, dass wir so viel zusammen machen können“, erzählt Julia.

Doch jetzt hat es die beiden Schwestern an verschiedene Orte verschlagen – wenn auch nicht weit voneinander entfernt: Julia arbeitet inzwischen an einem Gymnasium in Zittau – gerade noch als Referendarin, sie hofft aber, auch danach dort bleiben zu können: „Es ist nie ganz absehbar, wohin man als Lehrerin kommt, aber hier sieht es nicht schlecht aus“, sagt sie. Anne lebt in Görlitz und unterrichtet an einer Berufsschule in Löbau.

Bildungspolitik in Sachsen

Im Deutschlandvergleich erhält Schule in Sachsen regelmäßig Bestnoten. Vor allem im Bildungsmonitor belegt das ostdeutsche Bundesland seit Jahren unangefochten Platz 1.[3] Besonders gelobt wird die gute Förderinfrastruktur, zum Beispiel durch einen hohen Anteil von Grundschüler*innen in Ganztagsbetreuung. Negativ fällt dafür auf, dass der Anteil der Schulabbrecher*innen deutlich höher ist als im Bundeschnitt und dass relativ viele Schüler*innen von den Regelschulen ausgeschlossen und auf Förderschulen geschickt werden.

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Trotzdem muss das Thema Bildungsgerechtigkeit weitergedacht werden, meint Anne. Der Schultyp entscheide viel zu sehr über die Zukunft von Schüler*innen. „Gesamtschulen könnten da helfen“, sagt sie. Sowohl sie als auch ihre Schwester setzen sich für mehr Bildungsgerechtigkeit ein. Dafür müsse Schule offener werden: Offener für verschiedene Bildungsbiografien und unterschiedliche soziale Herkunft. „In vielen Köpfen gibt es nur einen richtigen Weg: das Abitur“, sagt Julia. „Aber wir müssen auch wieder mehr vermitteln, dass eine Ausbildung genauso wertvoll ist“. Es gebe schon viele gute Konzepte, um Strukturen in Schulen zu verändern, aber gerade auf dem Land seien sie schwer umzusetzen. 

Rückkehren und unterrichten

Nach dem Studium zurück in die Lausitz zu kommen war für die beiden Schwestern beinahe selbstverständlich. „Familie spielt für uns eine große Rolle“, sagt Anne. Sie seien beide sehr mit den Menschen und der Region verbunden. Julia denkt noch weiter. „Wenn alle weggehen, dann bleibt hier doch nichts mehr“, sagt sie. „Es muss doch auch Menschen geben, die sich dem entgegenstellen“. Man könne viel erreichen in der Lausitz, die Region sei schön und lebenswert. „Auch wenn Leute uns besuchen kommen, stellen sie immer fest, dass es hier schön ist“, sagt Anne. Den Beiden ist aber auch klar, dass nicht jede*r diese Entscheidung so einfach treffen kann. „Als Lehrerinnen gehören wir in diesem Sinne auch zu einer privilegierten Berufsgruppe“, meint Julia. Denn natürlich gibt es für sie überall Arbeit, auf dem Land sind sie besonders gefragt.

Den Zwillingsschwestern sind aber auch die Herausforderungen der Region bewusst: „Ohne Auto kommt man hier nicht weg“, stellt Anne fest. Bei vielen ihrer Schüler*innen ist eine Dreiviertelstunde Anfahrtsweg zur Schule normal, genauso wie teilweise lange Wartezeiten auf den Bus.

Beide Schwestern lieben ihren Job, aber nicht immer bleibt aus Julias Sicht genug Zeit im Stundenplan, um sich mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen zu beschäftigen. Auch statistisch gesehen scheinen sich viele Lehrer*innen überhaupt nicht auf das Unterrichten von Politik vorbereitet zu fühlen:  In einer Studie der Bertelsmann-Stiftung gaben nur 16 Prozent der Lehrer*innen an, sich während ihres Studiums intensiv mit Demokratie-Bildung beschäftigt zu haben. 95 Prozent gaben an, die Vermittlung von Demokratie habe im Schulunterricht eine untergeordnete Rolle.

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Das Problem mit dem mangelnden Politikunterricht, das die beiden Lehrerinnen ansprechen, ist gerade in Sachsen eklatant: Nach einem Sachstandsbericht des Bundestags von 2016 gibt es in keinem anderen Bundesland so wenige Stunden verpflichtenden Politikunterricht wie hier.[4] Schüler*innen, die einen Hauptschulabschluss machen, haben im Schnitt weniger als 50 Stunden und auch bis zum Abitur sind weniger als 200 Stunden Politik vorgesehen. Das ist weniger als die Hälfte des deutschen Mittels. Allerdings legt eine Studie aus dem vergangenen Jahr nahe, dass sich die Situation zumindest an Gymnasien inzwischen etwas verbessert hat[5].

Eine mögliche Folge davon, dass demokratische Werte nicht genügend vermittelt werden, spüren die beiden Schwestern in ihrem Alltag an den Schulen der Lausitz: Rechtsextremismus ist ein Problem. Sowohl verfassungsfeindliche Symbole als auch Äußerungen tauchten immer wieder auf, meint Anne. „Ich glaube, Schulen müssen da noch stärker in der Aufklärung aktiv sein“.

Dass es an Sachsens Schulen ein Problem mit rechtem Gedankengut gibt, ist gut dokumentiert. 105 rechtsmotivierte Straftaten gab es dort 2019, die Tendenz ist seit Jahren steigend.[6] Unter den Vorfällen waren rechtsextreme Schmierereien, rassistische Klassenchats sowie Propaganda-Material der NPD Jugendorganisation.

Gerade Schüler*innen, die aus Haushalten mit demokratiefeindlichem Gedankengut kommen, müssen noch besser abgeholt werden, meinen die Zwillinge. „Aber zwei Stunden Gemeinschaftskunde pro Woche sind dafür zu wenig“, sagt Anne. Auch um sich aktuellen gesellschaftlichen Themen wie Geschlechtergerechtigkeit und Hassrede zu stellen, reiche die Zeit nicht. „Die meisten meiner Schüler*innen würden wohl noch immer sagen, es gibt nur zwei Geschlechter“, ergänzt sie.

Aktiv mitgestalten und etwas bewirken

Nicht nur im Schulunterricht wollen Anne und Julia sich für die Region einsetzen – beide sind seit Jahren ehrenamtlich aktiv. Schon eines ihrer ersten ehrenamtlichen Projekte hatte mit Schule zu tun: Mit einer Filmgruppe drehten sie einen Film über Schulschließungen in der Lausitz. „Das Interesse für Bildung und Bildungspolitik war auf jeden Fall schon immer vorhanden“, sagt Julia dazu.

Als junge Lehrerinnen sind sie nun näher an den Folgen von Bildungspolitik dran als je zuvor – und beide haben noch genug Idealismus, um sich für die Zukunft eine andere Form von Schule zu wünschen. „Schule muss neu gedacht werden“, meint Anne. „Besonders die frühe Einteilung von Kindern hinsichtlich ihrer Lernbegabung und das Verteilen auf unterschiedliche Schultypen reproduziert soziale Ungerechtigkeit."

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Viel Zeit investieren sie in ihre ehrenamtliche Jugendarbeit bei der evangelischen Kirche. „Gerade müssen wir aber ein bisschen kürzertreten“, erklärt Anne. „Der Berufseinstieg als Lehrerin ist echt anstrengend“. Trotzdem planen und koordinieren die Zwillinge noch immer fleißig für die evangelische Bezirksjugend der Region.

Sich als junge Frauen in eher konservativen, kirchlichen Strukturen zu engagieren, sehen sie nicht als Hindernis, sondern viel mehr als Herausforderung und Chance, denn mit ihrem Engagement können sie beeinflussen, wie Kirche zum Beispiel mit Geschlechterfragen umgeht. So setzen sie sich in verschiedenen kirchlichen Gremien unter anderem dafür ein, dass Gleichberechtigung dort auf der sprachlichen Ebene einen Platz hat. „Ich habe das Gefühl, dass wir hier in der Kirche aktiv gestalten können und dass das auch gefragt ist“, sagt Julia. Darum und weil sie gerne die praktischen Ergebnisse ihrer Arbeit sehen, engagieren sich die Beiden lieber hier als in der Parteipolitik.

Auch wenn die Herausforderungen für Schule auf dem Land in den nächsten Jahren wohl eher größer als kleiner werden sind die Zwillinge sicher, dass ihre Arbeit etwas bewirkt. „Die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist jeden Tag neu“, sagt Julia. „Und es gibt mir sehr viel, die Menschen dabei begleiten zu dürfen“.

Fotos: privat

Lisa Kuner...

...ist freie Journalistin, sie schreibt für die FAZ über Bildung, für Perspective Daily über den Osten und würde am liebsten aus Brasilien von sozialer Ungleichheit erzählen. Außerdem studiert sie Nachhaltige Entwicklung in Leipzig. Einen Überblick über ihre bisherigen Veröffentlichungen gibt es hier: https://www.torial.com/lisa.kuner

 

[1] https://www.mdr.de/sachsen/lehrer-einstellungen-neues-schuljahr-100.html

[2] https://www.news4teachers.de/2020/01/was-sich-die-ostdeutschen-laender-gegen-den-lehrermangel-einfallen-lassen/

[3] https://www.bildung.sachsen.de/blog/index.php/2019/08/15/bildungsstudie-sachsen-hat-bestes-bildungssystem/

[4] https://www.bundestag.de/resource/blob/487700/d782a1c792d2e8b02d26a25ffb1b0835/wd-8-077-16-pdf-data.pdf?fbclid=IwAR0xD8ToSxHH2GvROn1EnbDbsblLrUO2xZxRsDp1MibWYkCQPGdE5Un7Ydc

[5] https://pub.uni-bielefeld.de/download/2941780/2943402/Ranking_Politische_Bildung_2019_final_1.pdf

[6] https://www.mdr.de/sachsen/politik/rechte-straftaten-an-schulen-100.html